Sozusagen Dienst am Geist

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Literaturnachmittag im CC am 6. November 2015

Der diesjährige Vorlesenachmittag hatte eine beachtliche Zuhörerschaft angelockt – das Hase-Zimmer war fast bis auf den letzten Platz besetzt.

Und, in der Tat, jeder Zuhörer kam wegen der Vielfalt des Vorleseangebots auf seine Kosten.
Einen kurzweiligen und vergnüglichen Einstieg bildete die Kurzgeschichte Sozusagen Dienst am Geist aus der Kurzgeschichten-Sammlung von Siegfried Lenz So zärtlich war Suleyken, vorgetragen von Dr. Alfons Wohlgemuth. So mancher Zuhörer mag sich in seine Schulzeit zurückversetzt gefühlt haben, als Dr. Wohlgemuth vom Schullehrer Eugen Boll vorlas, der seine Schüler ‚hatte … ausströmen lassen … zu seinem Stall und Düngerhaufen‘ um ihnen praktisches Wissen durch learning by doing zu vermitteln und um dabei von der Schulinspektion überrascht zu werden, von der er ‚Fürchterliches‘ erwartete. Schmunzelnd vernahm der Zuhörer wie listenreich sich die Schüler der Befragung durch ‚Oberrektor Christoph Ratz samt einem dünnen bebrillten Weibchen‘ entzogen – untermalt und verstärkt durch Herrn Wohlgemuths Lesart in ostpreußischer Mundart. Ein Genuss!

Ebenfalls in Ostpreußen angesiedelt ist die Familie väterlicherseits der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, deren Buch Stille Post: Eine andere Familiengeschichte von Frau Dr. Maria Zimmermann-Noehles vorgestellt wurde. Im Mittelpunkt dieser Familiengeschichte stehen drei bedeutende und tatkräftige Frauen mit unterschiedlichen Schicksalen: die Großmutter der Autorin mütterlicherseits Hildegard Margis, eine Halbjüdin, deren Tochter Hilde, die den Diplomaten Sigismund von Braun heiratete, einen Bruder des Raketenforschers Wernher von Braun und die Großmutter väterlicherseits Emmy von Braun. Die Geschichte der Familie erschließt sich der Autorin durch die ‚Stille Post‘, durch beredtes Schweigen über die nicht einfache Familiengeschichte. Grundlagen sind u.a. Quellen aus dem Familienarchiv und Briefe der Enkelin Christina an die nicht gekannte Großmutter Hildegard Margis, die nach dem 1.Weltkrieg als Witwe mit ihren zwei Kindern zunächst von einem bescheidenen Einkommen lebte, jedoch durch einen Kredit von $5 ein Unternehmen zur Verbraucherberatung aufbauen konnte. In der Weimarer Republik war sie in verschiedenen politischen Gremien aktiv. In der Zeit des Nationalsozialismus leistete sie Widerstand gegen das Nazi-System und verstarb 1944 in einem Polizeigefängnis. Das Besondere an diesem Buch ist die weibliche Form der Geschichtsschreibung, die Vermittlung von Geschichte als ‚unsagbaren Botschaften‘ durch die ‚Stille Post‘. Ein sehr lesenswertes Buch!

Ein weiteres highlight war Frau Astrid Hübners Vorstellung der Autobiographie Wolfssonate von Hélène Grimaud, einer international bekannten Starpianistin, die sich nicht nur einen im wahrsten Sinne des Wortes klangvollen Namen als gefeierte Konzertpianistin gemacht hat, sondern auch durch ihre Zuneigung zu Wölfen, ausgelöst durch eine schicksalhafte Begegnung mit einer Wolfshündin, die ein Bekannter als Haustier hielt. Sie errichtete 1999 zusammen mit ihrem damaligen Lebensgefährten ein Wolf Conservation Center in South Salem im Staat New York, das sich dem Artenschutz von Wölfen in natürlicher Umgebung widmet und auch versucht, Kinder und Jugendliche durch Vorträge und unmittelbare Begegnung mit Wölfen für die Tiergattung einzustimmen.

Dass Hélène Grimaud sich dem Wolf als Inbegriff von Wildheit und Überlebenskraft – sie durchstand mehrere schwere Krankheiten – verwandt fühlt, konnten die Zuhörer nachempfinden durch den brillanten kurzen Einspieler des 4. Klavierkonzerts Opus 58 von Beethoven dargeboten von Grimaud in der Royal Albert Hall in London. Wolfssonate ist das berührende Buch einer Ausnahmekünstlerin!

Das dann zuletzt vorgestellte Buch brachte die Zuhörer in die Realität zurück, in unser aller Leben, das mehr und mehr digital bestimmt ist. Frau Dr. Mariana Durt stellte das 2014 erschienene Buch mit dem Titel Silicon Valley – Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt von Christoph Keese vor, einem Journalisten und Mitarbeiter der Axel Springer SE (Societas Europaea), der mit seiner Familie sechs Monate in Palo Alto im Silicon Valley, Kalifornien, verbrachte und so Einblicke erhielt in die dort ansässigen großen Internetkonzerne und Startups (kürzlich gegründete Unternehmen mit einem hohen Grad an Innovation). Wir alle kennen diese großen Internetkonzerne wie z.B. Google, Apple oder Amazon und Startups wie die Zimmervermittlung Airbnb oder das Mitfahrunternehmen Uber. Wir nutzen und verlinken uns weltweit über die sozialen Medien wie Twitter, Facebook oder Tinder, eine Partnervermittlungsbörse. Und wir sind erst am Anfang dieser digitalen Welt, die die Ökonomie und das Leben ganzer zukünftiger Generationen nachhaltig verändern wird. Ein Buch, das uns zu denken gibt!
Allen Referenten sei für ihre Bereitschaft und Mühe im Namen aller herzlichst gedankt!                                                                                Carmen Schleiermacher