Die Welt wäre ärmer ohne Luther

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Vortrag im CC am 9. Februar 2016

„Unser Luther?“ mit Fragezeichen, das war natürlich eine Provokation, und Professor Dr. Albrecht Beutel setzte noch eins drauf: „Hat das Reformationsjubiläum überhaupt eine Relevanz?“

Und bezog sich dabei auf das Luther-Jubiläum von 1983 (500. Geburtstag), das zweifellos eine Flut von Büchern produziert habe, aber sonst? Beutel sparte in seinem packend fordernden und brillant formulierten Vortrag (23. Februar 2016) vor dem Civilclub nicht mit Polemik. „Bild und Bedeutung des Reformators in säkularer Zeit“, hatte er seinen Vortrag überschrieben.

Dem Berichterstatter sei nachgesehen, dass er nur einige Aspekte dieser umfassenden, unkonventionellen und fesselnden Gedankengänge versuchen kann, wieder zu geben. Es könne auch sein, dass sich Professor Beutel in dem Bericht gar nicht wiederfindet.

So geißelte der Referent, dass sich die evangelische Kirche in unterwürfiger Selbstverleugnung darum bemühe, dass die katholische Kirche doch mitfeiern möge, vielleicht gar der Papst. Oder dass versucht werde, sich für Luthers Judenhass zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Beutels klares Diktum: Das waren Luthers private Meinungen, keine relevanten Bekenntnisschriften. Deswegen möchte er das Etikett „unser“ auch am liebsten ins Museum stecken, frühere Zeiten jedoch hätten mit dem Etikett keine Schwierigkeiten gehabt. „Unser“ Goethe, das sei unwider­sprochen Allgemeingut. Um das vorweg zu nehmen: Er möchte die Figur des Refor­mators historisieren als Vertreter zweier Zeiten, des Mittelalters und der Neuzeit.

Albecht Beutel räumte dann mit einigen Vorurteilen auf: Luther als Kirchengründer – „nichts hat ihm ferner gelegen, als eine Kirche zu gründen“, auch wenn sich einige Landeskirchen lutherisch nennten. Er wollte vielmehr die existierende Kirche wieder in ihre wahre Form zurück führen. Er habe auch keine neue Glaubenslehre entwickelt, vielmehr immer wieder auf die Bibel verwiesen. Bestärkt habe ihn in dieser Haltung seine Überzeugung, dass der Jüngste Tag bald bevor stehe. Andere nach ihm hätten seine Reformation vollenden wollen.

Luther als Nationalheld – immerhin setzten ihn viele bei einer Umfrage auf den zweiten Platz (nach Adenauer). Mit seinem Namen („Ahnherr“) sei auch die Katastrophe von 1933 (zeitgleich mit seinem 450. Geburtstag) verknüpft worden. Zweifellos sei Luther eine Schlüsselfigur der deutschen Geschichte, er habe aber klar getrennt zwischen Politik und Religion, das Gewissen immer an Gott gebunden.

Dazu passt die Rubrik Luther als Freiheitskämpfer - dieser Begriff sei in der Aufklärung entstanden. Luther habe dem Subjektivismus Bahn gebrochen, aber immer im theologischen Sinne, nicht politisch. Die Reformation habe ihre Bedeutung nicht nur für die Kirchengeschichte, sondern eben auch für die Geistesgeschichte.
Alle drei Bilder, so Beutel, hätten wahre Elemente, sie seien aber oft verabsolutiert worden. Sie sagten wenig über den Reformator aus, wohl aber viel über die Zeit. Und was würde geschehen, wenn Luther heute leben würde? Luther habe auch in der Bildung großen Einfluss gehabt und in der Ökonomie, weil er das Berufsethos gestärkt habe, was den protestantischen Territorien enorme Vorteile verschaffte, die sich teils noch bis heute auswirkten. Leistung sei nützlich, aber als Maßeinheit für die Würde des Menschen untauglich. Luther habe die neuhochdeutsche Sprache nicht erfunden, aber er habe eine ungewöhnliche Sprachkraft besessen mit extremen Ausdrucksmöglichkeiten.

Natürlich kam auch Luthers ungezügelte Polemik zur Sprache (die er aber mit anderen Geistesgrößen der Zeit gemein hatte), die oft die Grenzen überschritten habe. Aber „er konnte auch sehr feinsinnig“ sein. Wie die Welt ohne Luther aussehen könnte, „wissen wir nicht, aber sie wäre ärmer“.
Was verspricht sich der Reformationshistoriker Beutel vom Reformationsjubiläum 2017? Das Jubiläum könnte Anlass sein, sich noch mal intensiv mit seinen Texten auseinander zu setzen. Vielleicht könne es das Geschichtsbewusstsein erweitern, vielleicht aber auch Überdruss erzeugen. Er jedenfalls habe sich dafür eingesetzt, dass der Reformationskongress 2017 in einer Stadt stattfinde, die nichts mit der Reformation zu tun habe – in Wien. Und – er freue sich jetzt schon auf 2018.

Und es gibt noch eine Arabeske: 2017 wird der Reformationstag zum bundesweit begangenen Feiertag. Und da der 31. Oktober auf einen Dienstag fällt, darf man über die kirchlich religiöse Feier getrost spekulieren. In den östlichen Ländern ist der Reformationstag ohnehin Feiertag. Früher, zu meinen Schulzeiten, war die Teilnahme an einem Gottesdienst an diesem Tage Pflicht, danach hatten wir frei.

An den brillant formulierten Vortrag schloss sich eine intensive Diskussion an, denn immerhin waren einige Zuhörer „vom Fach“, Beweis dafür, dass nicht nur das anspruchsvolle Thema im Civilclub ankommt, sondern dass der Club lebt, wie es einer der Teilnehmer formulierte.                         E. O.