Dorothea Sattler: ist Luther katholisch?

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Vortrag im CC am 14. April 2016

Spontaner Beifall auf offener Bühne – das ist selten im Civilclub: „Wir sollten gemeinsam einstehen für das Ganze“, appellierte Dorothea Sattler daran, sich nicht mit dem Status quo der Konfessionen („versöhnte Vielfalt“) zufrieden zu geben.

Die engagierte Ökumenikerin strebt nach einer gemeinsamen, einer verbindlichen Ordnung für beide Kirchen. Ihr Vortrag vor dem Civilclub (14. April 2016) fand wiederum ein volles Haus, es war aufschlussreich, Martin Luther, die Zentralgestalt der Reformation, von katholischer Seite beleuchten zu lassen.

Professorin Dr. Dorothea Sattler machte es richtig spannend, als sie ihren Vortrag mit der provozierenden Frage einleitete: Ist Martin Luther katholisch? Nicht war, sondern ist. Sie unterschied dabei zwischen katholisch und römisch-katholisch. Und sie konnte sich auf einen prominenten Zeitzeugen berufen, nämlich auf Melanchthon, der von sich gesagt habe, er bleibe katholisch. Und Melanchthon ist der zweite Exponent nach Luther. Ein Widerspruch? Die Verkündigung des Evangeliums sei für ihn und Luther die Grundlage der Kirche, „sola scriptura“ (allein durch die Schrift) war ein heilsamer Ruf, gestand Dorothea Sattler ein. Luther sei für die Katholiken ein Zeuge des Evangeliums. Andererseits werde in der römisch-katholischen Kirche immer noch vieles gehalten, was Luther abgelehnt habe. In der Ökumene müsse man über vieles weiter nachdenken.

Natürlich gibt es zwischen beiden Konfessionen offene Streitpunkte, wie die gemeinsame Zulassung zum Abendmahl bzw. zur Eucharistie. Was passiert beim Abendmahl, uns trennt eigentlich nur die Frage, wer darf was. Letzten Endes müsse das Gewissen entscheiden über eine gemeinsame Teilnahme. Grundlage sei die gemeinsame Taufe, wie auch Papst Franziskus wieder erklärt habe. Die Professorin bezeichnete es manchmal als enttäuschend, dass Impulse aus dem akademischen Dialog nicht aufgenommen würden.
Die Zahl sieben der Sakramente sei eher symbolisch zu sehen, auch im Reformationsaltar von Lukas Cranach (in der Stadtkirche in Wittenberg) seien vier Sakramente enthalten, nämlich Taufe, Abendmahl, Verkündigung und Beichte. Dabei gebe es ein zentrales Sakrament, nämlich Jesus Christus. In der Ökumene werde die Zahl sehr offen gesehen. In der römisch-katholischen Kirche gilt neben den Evangelien auch die Tradition der Lehrmeinung, was die Referentin relativierte, denn schon die Evangelien seien aus einem Prozess der Tradition entstanden.

Es trennt beide Kirchen das unterschiedliche Verständnis von Amt und Ehe, in der Person Martin Luthers sei beides verbunden. Dorothea Sattler tritt auch für andere Formen der Partizipation ein, gerade auch der Partizipation der Frauen. Und sie fordert Wertschätzung und Achtung der jeweiligen anderen Seite und ihrer Anliegen und, ganz wichtig, eine Bewährung in der eigenen Reformwilligkeit.
Professorin Sattler hatte ihren Vortrag mit einer provokanten Frage eingeleitet, und sie stellte noch eine rhetorische Frage: Wäre Martin Luther, wenn er nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelebt und Papst Franziskus erlebt hätte, katholisch geblieben? Wir, so sagte sie, „haben viel gelernt aus der reformatorischen Bewegung.“

Im Anschluss an das Referat gab es eine lebhafte Diskussion und viele Frage, kein Wunder, denn unter den zahlreichen Gästen waren mehrere gestandene Theologen.     E. O.