Sternberg: "Wir müssen ökumenisch auftreten"

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Vortrag im CC am 9. Mai 2016

Am Europatag 2016 streifte Professor Thomas Sternberg den schicksalhaften 9. Mai,

an dem Deutschland 1945 vor den Russen kapitulierte, an dem Christoph Kolumbus 1502 zu seiner vierten Reise in die Neue Welt aufbrach, an dem 1876 ein Ingenieur namens Otto seinen Motor vorstellte, an dem 1936 Italien Äthiopien annektierte, an dem 1955 die Bundesrepublik der Nato beitrat, an dem 1950 Robert Schumann (französischer Außenminister) seine Idee eines Europa vorstellte. „Was ist mit diesem Europa los?“ zitierte Sternberg, der neue Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, die besorgte Frage von Papst Franziskus und sah eine mögliche Antwort für Probleme in den neu erstarkenden Nationalismen, die vielleicht die Ursache allen Übels sein könnten. Erst die Nationalstaaten hätten Minderheiten ausgegrenzt, die Übereinstimmung von Volk und Staat habe der europäischen Idee stark geschadet. Es war ein faszinierendes Geschichtspanorama, das der Kulturpolitiker Sternberg vor den Civilisten ausbreitete.

Außerhalb Europas würden die Staaten als einheitlich geprägt empfunden, kein Wunder, denn die Grundlage für alle Kulturen sei die Bibel. Trotz aller Kriege und Wunden sei die christliche Grundlage immer noch präsent, die von Offenheit für anderes Denken geprägt sei. Wenn heute Besorgnisse vor dem Islam geschürt würden, so werde nicht zwischen Kultur und Religion unterschieden, der Arbeitskreis Christen und Muslime beim ZK wolle demnächst ein Papier über die Gewalt vorstellen. Die AfD-Politikerin Petry sei nicht zum Katholikentag eingeladen worden, um ihr keine Propaganda-Plattform zu bieten, was einen Shitstorm ausgelöst habe, mit übelsten Beschimpfungen bis hin zur Morddrohung. Welche Auswirkungen könnten solchen Stimmungen zusammen mit einer Wirtschaftskrise auslösen? Europa müsse das Eine-Welt-Thema ernst nehmen, „sonst treten die uns die Türen ein“.

Natürlich ging Thomas Sternberg auch auf den Katholikentag ein, der 1848 gegründet wurde. Nach der Reichsbildung unter preußischer Dominanz habe sich ein ausgeprägt katholisches Milieu gebildet, das dann zur Bildung der Zentrumspartei geführt habe. Nach 1945 habe die CDU als ökumenische Partei auf die religiösen Veränderungen in der Bevölkerung reagiert, Katholizismus und Protestantismus hätten sich prozentual in etwa die Waage gehalten. Inzwischen sei Deutschland „unchristlicher“ geworden, mehr als 40 Prozent der Bevölkerung gehörten zu keiner christlichen Kirche. Das bedeute: „Wir müssen ökumenisch auftreten, wenn wir was erreichen wollen.“ Aktuell hat der Katholikentag in Leipzig bereits stattgefunden, das gerade mal 4,3 Prozent Katholiken aufweist, aber selbstverständlich einen Finanzzuschuss bereit stellte. Und Münster 2018? „Münster steckt eben voller Merkwürdigkeiten.“

Das Zentralkomitee vertritt in Deutschland mehr als 20 Millionen katholische Laien, stellt also zweifellos eine kirchenpolitische Macht dar. Was Sternberg in eine These brachte: Kirche habe eine Zukunft, wenn die Laien sie selbst in die Hand nähmen. An das weit gefächerte Referat schloss sich eine lebhafte Diskussion an.                                                E. O.