Lesen im steinernen Buch der Geschichte

Drucken PDF
CC-Reise ins Baltikum: 10. bis 17. Juli 2016

Für die meisten war es eine Reise in eine unbekannte Welt, Lettland und Litauen, Jahrzehnte lang hinter dem Eisernen Vorhang verschollen, erst seit 1991 mit dem Zerfall der Sowjetunion wieder selbstständig, zum zweiten Mal im 20. Jahrhundert nach dem Februar 1918.

 

Vor allem in Lettland auf Schritt und Tritt deutsche Spuren, schließlich dominierte hier Jahrhunderte lang die Hanse der „Sachsen“, wie die deutschen Kaufleute genannt wurden. Im Estnischen war der Name gleichbedeutend mit Herr. Später waren die Baltendeutschen Ton angebend, vor allem auch im damaligen Zarenreich, bis das 20. Jahrhundert und die verbrecherischen Diktaturen diese fruchtbare Symbiose zerstörten.

Unsere litauische Reiseleiterin Alisauskiene Ramute, die sich kurz Roma („keine Zigeunerin!“) nannte, jonglierte souverän mit den verschiedenen Sprachen, lettisch, litauisch, russisch, deutsch – bewundernswert.

Beide Staaten müssen aber auch mit einem ungewissen Erbe leben, seit der sowjetischen Okkupation sind viele Russen hier geblieben, in einem merkwürdigen Schwebezustand, wie der emeritierte Germanistikprofessor Andrejs Rundzitus erläuterte. Reiseleiterin Gaby Peus hatte ihn über die europäische Seniorenunion kennengelernt. Viele dieser Russen hätten den Status eines „Nichtbürgers“, da sie nicht bereit seien, eine Prüfung abzulegen. Es gibt aber auch Gegenbeispiele: Der Oberbürgermeister von Riga ist ein gebürtiger Russe, der perfekt Lettisch spricht. Immerhin werden diese vielen Russen im Lande auch als latente Bedrohung wahrgenommen. Ein weiteres schrilles Schlaglicht: Der Hochschullehrer erhält eine Pension von 424 Euro. Er muss also dazu verdienen, seine Frau arbeitet auch noch.
Beeindruckend war neben vielen Gebäuden die Große Gilde mit der historischen Münster-Stube und den Wahlsprüchen der Kaufleute, die auf den Hauswänden verewigt sind: „Red nicht was den Leut gefellt, sondern das den Gemeinnutz erhellt.“ Ausgerechnet Münster: Westfälische Kaufleute und vor allem auch solche aus Münster waren führend im Ostseehandel der Hanse.

Über Klaipeda, dem alten Memel, mit dem Denkmal des berühmten Ännchen von Tharau (für eine Strophe des Ohrwurms reichte noch die Erinnerung), ging es auf die Kurische Nehrung nach Nidden (Nida) zum Wallfahrtsort des Thomas-Mann-Hauses, wo dann Ludger Gieselmann einen zünftigen Geburtstag begehen konnte. Allerdings ist nur noch das Haus original vom Anfang der 1930-er Jahre. Den freien Nachmittag nutzten alle bei herrlichem Wetter zu einem Bummel über den schier endlosen Sandstrand, wobei die Wellchen auch für nasse Hosenbeine sorgten.

Und dann stand eigentlich Kaliningrad auf dem Programm, als Kontrast zu Riga und Vilnius, mit Visum aufwändig und teuer vorbereitet, bis in der Grenze die kalte Dusche kam, wir mussten zurück und konnten noch froh sein, dass wir für den Versuch des illegalen Grenzübertritts keine Strafe zahlen mussten.

Es wurde dann improvisiert, mit einer Übernachtung in Kaunas und einem ausgiebigen Stadtbummel, bis die litauische Hauptstadt Vilnius auf uns wartete, wo unsere Reiseleiterin an die „singende Revolution“ erinnerte: Die singfreudigen Balten entdeckten ihre alten Lieder wieder und kamen zu Tausenden zum Singen zusammen, der Übergang in die Freiheit ging aber nicht ohne Opfer ab. Vilnius wurde auch Rom des Nordens genannt oder auch Jerusalem des Nordens, worin sich die vielfältigen religiösen Bindungen spiegeln. Über der Stadt thront eine mächtige Burganlage, der Dom überrascht im klassizistischen Baustil.

Samstagnachmittag war offenbar ein regelrechter Hochzeitsboom ausgebrochen, die Paare, bestens und feinstens gewandet, gaben sich gleichsam die Klinke im Standesamt in die Hand. Abends ließen dann Potenz-Protze ihre Exklusiv-Karossen (keine unter 100 000) aufheulend ums Rathaus kreisen. Vilnius gab sich ganz und gar westlich.

Am letzten Abend im Hotel wurde Gaby Peus Dank abgestattet, von den Teilnehmern mit langem Beifall und von Altpräsident Erhard Obermeyer mit anerkennenden Worten: Alle waren sich einig, dass die Reise gelungen und harmonisch verlaufen war. Und Gaby Peus bezog ausdrücklich Hans-Hermann Steffens in diesen Dank mit ein.

E.O.