Juden forderten gleichberechtigte Teilnahme ein

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Vortrag im CC am 6. September 2016

„Die Juden sahen sich am Ende des Weges angekommen“, formulierte Professor Dr. Franz-Josef Jakobi bei seinem Vortrag im Civilclub.

Der Abendvortrag war trotz der postalischen Wirrungen in der Anmeldungsphase außerordentlich gut besucht, und das Thema „Zwischen Akkulturation und Ausgrenzung – die westfälischen Juden in der Weimarer Republik“ war schon anspruchsvoll.

Jakobi betonte, dass er sich schon lange diesem Thema gewidmet habe und bei seinem Vortrag vor allem auf zwei Forschungsprojekten fuße – Dem Handbuch jüdischer Familien von Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer und dem Historischen Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen.

Auch wenn die Juden mit der Weimarer Verfassung gleich gestellt waren, so stimmte die Wirklichkeit nicht immer mit diesem Recht überein. Ein namhafter Vertreter des Judentums konstatierte 1925, dass die Juden noch immer um ihr Recht am Anteil des Deutschtums kämpfen müssten. Dabei sei das Deutschtum auch das „Erbe unserer Väter“. Es wurde die gleichberechtigte Teilhabe eingefordert, Juden und Deutsche sein zu können. Fakt ist, dass die Juden aus der Geschichte der letzten hundert Jahre nicht wegzudenken sind, und sie formulierten ein klares Bekenntnis: „Juden haben Deutschland immer geliebt und immer seiner Sache gedient.“ Prägend war die Erinnerung an die Teilhabe am Ersten Weltkrieg, andererseits wuchs die Diffamierung durch die politische Rechte und die latente Judenfeindlichkeit in der Bevölkerung.

1925 ergab eine Volkszählung, dass in Deutschland 564 300 Juden lebten, ein Drittel davon in Berlin, in Westfalen waren es 21 577, in Lippe 610 und in Münster 580. Also insgesamt eine verschwindende Minderheit.

Münster war in der Weimarer Zeit stark vom katholischen Milieu geprägt, aber es war auch Sammelbecken rechtsradikaler Gruppen, außerdem wirkte hier eine zionistische Gruppe, die für die Auswanderung nach Israel warb. In Dortmund lebten über 4000 Juden, die Stadt hatte eine starke Zuwanderung von orthodoxen Ostjuden erlebt, die Spannungen in die Gemeinde brachten. Extremer war die Situation im Freistaat Lippe, wo viele negative Faktoren die Lage verschärften, so dass Juden sich sogar zur Wehr setzten. 1933 kam mit den Nationalsozialisten der gewaltsame Bruch einer positiven Entwicklung, deren verbrecherisches Ende damals niemand vorher sehen konnte.

Die Reaktion der Zuhörer: „Wir haben unheimlich viel gelernt“, und: „Frage an uns alle, können wir aus der Geschichte lernen?“ Der Referent wurde mit lang anhaltendem Beifall bedacht, und erhielt von Präsident Hans-Arnold Loos (links) das Buch „Nicht immer war es Liebe auf den ersten Blick“ als Geschenk, eine Anthologie von Liselotte Folkerts, in der Hoffnung, dass dieses Buch nicht zuhause im Bücherschrank stehen könnte. Jakobi: „Es ist Pflicht, die Bücher von Liselotte zu kennen.“                                                                                                         E.O.