Religiöser Funkenflug steckte die Welt an

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Vortrag im Damenkaffee am 13. September 2016

Man spürte förmlich die Begeisterung der Referentin für das Thema und für den Autor: Dr. Renate Loos stellte beim Damenkaffee „Die Verzauberung der Welt“ vor, eine Kulturgeschichte des Christentums des protestantischen Theologen Jörg Lauster, erschienen 2014 im Verlag C.H. Beck. Es war in ihrem Vortrag zu merken, dass sie das Buch fasziniert hat.

Renate Loos ging der Frage nach, welchen Anteil das Christentum an der abendländischen Kultur hat, womit dem Leser zugleich eine Quelle seiner eigenen Herkunft aufgezeigt wird. Der Autor definiert dabei Kultur als das Weltgefühl einer Epoche und das Christentum sei die Sprache dazu. Das frühe Christentum habe ein völlig anderes Gottesbild propagiert als das Judentum, worin schon die Gegensätze immanent waren. Mit der Hinrichtung Jesu habe es kein Anzeichen gegeben, dass seine Lehre überleben könnte. Dafür sorgte dann aber die missionarische Tätigkeit der Apostel, der Autor Lauster prägte den Begriff des „religiösen Funkenflugs“. Wie überhaupt seine bildreiche Sprache auffiel. Er wandte den modernen Begriff der Kulturrevolution auf das antike Christentum an, das einen persönlichen Gott anbot, den die anderen Religionen nicht vorzuweisen hatten.

Ein zweites gewichtiges Kapitel des Vortrags war das Klosterwesen, das der Autor als die Wiege des Abendlandes bezeichnete, und das in einer ersten Zeit in der Gewissheit des nahen Weltendes. Gerade die Klöster hätten die antike Kultur transferiert, gleichzeitig dienten sie als Versorgungsstätten in einer unterentwickelten Landschaft, sie waren, so Jörg Lauster, Kraftzentren. Im 11. und 12. Jahrhundert habe sich an den Kathedralschulen eine Bildungsoffensive entwickelt, die schließlich in die Gründung von Universitäten mündete: Bologna gilt mit dem Jahr 1088 als älteste in Europa, die älteste deutsche wurde 1348 in Prag gegründet. Und dazu prägte der Autor wieder einen packenden Begriff: Universitäten sind für ihn Kathedralen des Denkens, nachdem er zuvor angesichts der architektonischen Kühnheit gotischer Kathedralen von einem „Gottesdienst der Steine“ gesprochen hatte.

Zum Schluss wagt der Autor eine Prognose zum Fortbestehen des Christentums. Er konstatiert nüchtern, dass die religiöse Bindung zum Transzendenten immer geringer wird. Aber der kulturellen Wirkung des Christentums bescheinigt er optimistisch eine sichere Zukunft, verweist auf neue religiöse Formen beispielsweise in Afrika, und darauf, dass die Menschenrechte aus christlichen Vorstellungen hervorgegangen seien.                                              E.O.