Martje Saljé: Das Türmeramt toppt alles

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Vortrag im Damenkaffee am 13. Oktober 2016

Das war der reinste Wirbelwind, der durch den Damenkaffee fegte, besser gesagt tutete, denn am 13. Oktober war Martje Saljé zu Gast, seit zwei Jahren Türmerin der Stadt Münster.

Und das geht eigentlich ja überhaupt nicht: Erstens eine Frau, zweitens eine Zugezogene, drittens eine Evangelische – „daran können Sie sehen, wie weltoffen Münster inzwischen ist.“ Sie fühlt sich offenbar sehr wohl – „das Türmeramt toppt alles.“ Und kann davon berichten, begeistert und begeisternd, dass man ihr stundenlang zuhören möchte – „ich könnte fünf Tage erzählen“. Aber historische Informationen gab es natürlich auch, denn sie hat neben Musik auch Geschichte studiert.

Also, die Türmerei geht in Münster auf das Jahr 1383 zurück, als ein katastrophaler Brand die Stadt verheerte, zu dessen Gedenken heute noch die Große Prozession durchgeführt wird. Jedenfalls geht auf dieses Jahr die Institution des Türmers zurück, die selbst während des Neubaus des Lambertiturms Ende des 19. Jahrhunderts durchgehalten wurde – der Türmer fand solange Asyl im Martinikirchturm. Sie würdigte auch ihre Vorgänger im Amt, den legendären Roland Mehring, der sich in die Türmerstube sogar ein Sofa frei Turm bringen ließ. Und Wolfram Schulze, ihren unmittelbaren Vorgänger. Über die ganze Türmerei will sie ein Buch schreiben – „wenn ich groß bin“. Wir dürfen gespannt sein.

Zu ihren Dienstobliegenheiten gehört natürlich das Tuten, auf das die Touristen warten, nach Süden, nach Westen und Norden, der Osten wird ausgespart, wozu es abenteuerliche Begründungen gibt. Das Türmerhorn von 1950 (angefertigt für „Karl I.“) konnte sie leider nicht mitbringen – „das muss in der Türmerstube bleiben“, aber sie hatte ein kleines Ersatzhorn dabei, mit dem sie die Signale blies und auch den Nachmittag einleitete. Auch das Anschlagen der Ratsglocke gehört zu ihren Pflichten, aber nur wenn ein Oberbürgermeister gewählt wird, und „die ist so laut, dass ich mir Ohrenschutz von den Gärtnern mit den Motorsägen besorgt habe“.

Martje Saljé brachte die Zuhörer mit vielen Anekdoten zum Schmunzeln, so als sie einen Nachtwächter bei seinem Rundgang belauschen konnte: „Da oben wohnt jetzt ein Weib. Weiber hören aber doch an die Aa zum Wäsche Waschen.“ Und sie kennt natürlich auch die anderen Türmer in Deutschland und der Welt, und immer gibt es wieder Verbindungen nach Münster: „Münster ist offenbar der heimliche Mittelpunkt der Welt.“ Was die Türmer verbindet und sie zur Türmerin machte: „Das muss das Türmergen sein.“

Schließlich sang sie zur Gitarre „Türmers Nachgesang“ von 1938, besser ein Gebet, das sie neu vertont hat. Schlicht, wohlklingend, ergreifend. Hinzu kamen Fotos von oben vom Turm, „die Sie noch nie gesehen haben.“ Diese Frau ist ein wahres Multitalent und ein Gewinn für die Stadt.                                      E.O.