"Ich bin ein waschechter Balte"

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Damenkaffee am 10. Januar 2017

Es war ein temperamentvolles und auch emotionales Plädoyer für die Pflege der Geschichte und des kulturellen Erbes der Baltendeutschen: Nicht von ungefähr, denn Professor Dr. Gregor Maurach bekannte, „ich bin ein waschechter Balte“.

Beim Damenkaffee am 10. Januar 2017 verstand er es, seine zahlreichen Zuhörer, unter ihnen viele Herren, mit vielen kleinen Geschichten und Anekdoten in seinen Bann zu ziehen. Beide Eltern sind in Estland geboren, aus ihnen wurden dann, als Esten, Litauer und Letten ihre eigene Identität entdeckten, Deutschbalten. Wissen Reisende bei ihren Fahrten im Baltikum um diese Zusammenhänge? fragte Professor Maurach. Der Civilclub immerhin hat im vorigen Jahr bei zwei Studienreisen ins Baltikum etwas von diesen Zusammenhängen erfahren. Bei Maurach ist es aber zugleich die eigene Familiengeschichte.

Die Deutschen waren im Mittelalter eingewandert und bildeten die prägende Oberschicht – „Riga, Reval und Dorpat waren rein deutsch“. Es war eine blühende Symbiose. Die nichtdeutsche Bevölkerung versah die einfachen Dienste, sie wurde aber nicht unterdrückt, sondern gefördert in den Schulen. Deutsche Lehrer und Pastöre, darunter auch Maurachs Urgroßvater, sammelten alte einheimische Zeugnisse in diesem „Gottesländchen“. Der russische Staat, dem die Oberaufsicht oblag, akzeptierte das als vorbildlich. Diese Symbiose zerbrach jedoch, als sich mit der ersten russischen Revolution von 1905 ein sozial geprägter Deutschen Hass entwickelte.

Die Weltkriege schließlich besiegelten das Ende der Baltendeutschen, sie wurden zum Spielball der Großmächte. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt wurden sie 1939 nach Polen umgesiedelt, aus dem sie nach der Umkehr des Kriegsgeschehens wiederum fliehen mussten, begleitet von der zynisch wirkenden Parole „Der Endsieg ist uns sicher“. Viele Baltendeutsche wanderten aus, sind in vielen Ländern zu finden. Gregor Maurach stieß im südafrikanischen Pretoria auf eine Tante, die er bis dahin gar nicht gekannt hatte.

Dieser harte Gang der Geschichte schmerze, aber „wir können stolz sein auf das Erbe unserer Vorfahren“. Bei einer seiner Reisen nach Estland konnte er im estnischen Pöltsamaa/Oberpahlen das alte Pastorat besuchen, in dem er als Kind gelebt hatte – es muss emotional überwältigend gewesen sein. Und er stellte fest: „Die Erinnerung an die Deutschen wird dort immer noch gepflegt.“ Es ist eine etwas wehmütige Erinnerung voller Stolz und Leid.                                                     E.O.