(M)Eine Schulzeit im "Dritten Reich"

Drucken
Damenkaffee am 14. Februar 2017

Kindheit und Jugend des Alfons Wohlgemuth verliefen in einer politisch und gesellschaftlich höchst turbulenten Zeit, die erhebliche Auswirkungen auf das Leben des 1926 in Allenstein/Ostpr. Geborenen hatte.

Die politischen und später auch die militärischen Ereignisse dieser Epoche der deutschen Geschichte erzwangen häufige Ortswechsel während der Schulzeit, verhinderten zunächst einen regulären Schulabschluss sowie einen zeitnahen Beginn des Studiums. Diese äußeren Rahmenbedingungen seiner Jugendzeit nannte Alfons Wohlgemuth zutreffend „die Beständigkeit in der Unbeständigkeit“ seines Lebens. Im Laufe des Vortrags wurde jedoch deutlich, dass der Alltag des Kindes und Jugendlichen am jeweiligen Ort von einer erstaunlichen Kontinuität geprägt gewesen war. Das Elternhaus und die Schulen, die Alfons Wohlgemuth besuchte, boten die für die Entwicklung eines Kindes notwendige Geborgenheit auf der Basis eines stabilen Werte­systems. So blickt Alfons Wohlgemuth heute mit Freude und Dankbarkeit auf die Menschen, die ihm in der Jugend Halt und Orientierung gaben: Eltern und Lehrer.

Anhand von zahlreichen Fotos führte der Referent durch die verschiedenen Stationen seiner Jugend. Da war die gemeinsame Kindheit mit den beiden Brüdern in Berlin bis 1934, als der Vater, ein Polizeibeamter, nach einer handfesten Auseinandersetzung mit einem hochgestellten Nationalsozialisten aus dem Dienst entlassen wird. Die Eltern, beide Bauernkinder aus Ostpreußen, ziehen mit ihren drei Söhnen nach Bischofstein ins Ermland um, wo der Vater nun mit Gelegenheitsarbeiten seine Familie ernähren muss. Sohn Alfons besucht bis zur Schließung der Schule und deren Umwandlung in eine Napola-Institution das Gymnasium der Steyler Missionare „St. Adalbert“ in der ostpreußischen Stadt Mehlsack.
Es folgen zwei interessante und erlebnisreiche Jahre in der schlesischen Stadt Neisse auf dem Gymnasium der Steyler Mönche. Nach der Eroberung Polens durch die Wehrmacht rückt der Krieg plötzlich ganz nah an das Leben des Schülers heran, ohne ihm jedoch gefährlich zu werden: Bei einer zufälligen Begegnung im Klostergarten – A. W. ist dort verantwortlich für das Ablesen der Daten an der Wetterstation – kommt es zu einem Gespräch zwischen Schüler A. W. und Generaloberst von Rundstedt, einem der im Exerzitienhaus stationierten Angehörigen des Generalstabs.

Nach Schließung des kirchlichen Gymnasiums in Neisse wechselt Alfons Wohlgemuth auf das staatliche Gymnasium im ostpreußischen Allenstein. Es folgt der obligatorische Eintritt in die HJ (erstaunlicherweise ohne Indoktrinierung) sowie im Frühjahr 1943 die Verpflichtung als Luftwaffenhelfer. Nach dem Kriegsabitur – A. W. wird das Abitur 1948 in Rheine nachholen – und dem dreimonatigen Arbeitsdienst muss er in die Wehrmacht eintreten. Nach einem Aufenthalt als Besatzungssoldat in Belgien und den Niederlanden wird A. W. in die baltischen Staaten versetzt und gerät 1945 auf dem Rückzug der Wehrmacht in russische Gefangenschaft.

Am Ende des Kriegs treffen die Familie Wohlgemuth zahlreiche Schicksalsschläge, von denen der schmerzlichste wohl der Tod des im französischen Laon stationierten Vaters ist, dem sogar die Franzosen ein ehrenvolles Begräbnis bereiten.
Im Vortrag von Herrn Dr. Wohlgemuth, der die Stätten seiner Jugend bis in die Gegenwart hinein häufig besuchte und fotografierte, wurde deutlich, dass der Blick auf seine Jugend ihm eine stets lebendige Vergangenheit ist. Die Zuhörer im Damenkaffee verabschiedeten sich von dem Referenten mit dem verdienten lebhaften Beifall.                     Renate Loos