Henry Moore - Impulse für Europa

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Ausstellungsbesuch im LWL-Museum am 21. Februar 2017

Diesen Ausstellungsbesuch angeregt und organisatorisch sorgfältig betreut hatte, wie so viele Male bei Museumsbesuchen zuvor, das Ehepaar Gabriele und Manfred Niehoff.

Das Interesse der Civilisten war auch dieses Mal wieder so groß, dass sogar drei Besuchergruppen gebildet werden mussten.

Für die umfangreiche Henry-Moore-Ausstellung mit 120 Exponaten, die am 19. März 2017 endet, wurden die Werke vor allem aus der Tate-Gallery in London, aber auch aus anderen Museen, wie z. B. der Nationalgalerie in Berlin, ausgeliehen. Außer den Skulpturen des Künstlers Moore werden auch einige seiner Grafiken und Kohlezeichnungen gezeigt. Teil der Ausstellung sind zudem Kunstwerke von Zeitgenossen, wie z. B. von Arp, Hartung oder Lüpertz, um gegenseitige Einflüsse der Künstler sichtbar zu machen.

Henry Moore ist in Münster kein Unbekannter. 1976 besuchte er bereits Münster und steuerte zu den ersten „Skulptur-Projekten“ eines seiner Werke bei. Mit seiner monumentalen Plastik „The three Piece“, die die Landesbausparkasse auf ihrem Gelände am Aasee aufstellte, ist Henry Moore seit 1977 publikumsnah und publikumswirksam in Münster anwesend.

Was zeichnet das Werk Henry Moores aus und was hat ihn zum ‚Picasso der plastischen Kunst‘ gemacht? Beide Künstler, Picasso und Moore, beschritten einen ähnlichen künstlerischen Weg, der von einer Abbildung der Realität in der Frühphase schrittweise zur abstrakten Darstellung führte bzw. zu einem Spiel mit den beiden gegensätzlichen Polen. Diese Aussage kann an drei Beispielen deutlich gemacht werden. Wie Picasso widmete sich Moore häufig der Darstellung weiblicher Figuren und stellte sie meist in liegender Haltung dar. Offenbar ging es ihm dabei nicht um die Abbildung von Individuen, sondern um die Darstellung ihrer Funktionen. Dabei kann der Künstler die anatomische Korrektheit grob vernachlässigen und akzen­tuieren, was er für wichtig hält.

So ist eine große „Liegende“ Urmutter und zugleich Teil der sie umgebenden Natur, denn ihr Gewand dient nicht nur der Bekleidung, sondern bildet gleichzeitig die sie umgebende Natur ab, mit Bergen, Tälern und Flüssen. Der Torso eines Kriegers, vom Künstler als „Helmet Head and Shoulders“ (1952) bezeichnet, besteht wiederum nur aus einer fragmentarischen äußeren hochpolierten Hülle, auf der sich ein Helm und gepanzerte Schultern erahnen lassen. Das Spiel zwischen Figuration und Abstraktion mit einem deutlichen Übergewicht der Abstraktion zeigt sich besonders in der künstlerischen Spätphase Henry Moores, z. B. in der „Recycling Figure: Bone“ (von 1982). Die anatomische Einheit dieser Figur ist völlig zertrümmert. Es zeigen sich nur noch Knochenumrisse, die anatomisch zudem nicht mehr korrekt sind. Leere Räume, das in den Augen des Betrachters nicht Sichtbare tritt hervor und ist Träger der künstlerischen Botschaft. Der eine der drei Besuchergruppen führende Kunst­historiker nannte die dargestellte Leere eine „Erweiterung des Figürlichen ins Negative“.

Alle Plastiken Henry Moores strahlen Ruhe aus, einige sind von beeindruckender  Monumentalität, wie die vor dem Museum aufgestellte Figur „Archer“ (Bogen­schütze). Auch in dieser Figur fügt Henry Moore wie so häufig zusammen, was es in der Natur nicht gibt. Es verschmelzen Bogen und Schütze zu einer untrennbaren Masse runder, kraftvoller Formen. Es entsteht eine künstlerische Realität, parallel zur Wirklichkeit.
Renate Loos