"Der Islam ist die einzig wahre Religion"

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Vortrag am 20. April 2017

„Das ist eine gelungene Punktlandung“, kündigte Präsident Hans-Arnold Loos den Vortragenden an.

Und in der Tat – das wissenschaftliche Untersuchungsthema des Vorjahres hatte eine brennende politische Aktualität erlangt: Professor Dr. Detlef Pollack sprach am 20. April 2017 über das Selbstverständnis der türkisch-stämmigen Minderheit, vor dem Hintergrund des kürzlich abgehaltenen Referendums, das die Türkei auf den Weg zu einer Präsidialherrschaft bringt. „Das Wahlverhalten der Deutsch-Türken mit ihrer Mehrheit für Erdogan spiegelt ihren Drang zur kulturellen Selbstbehauptung“, so Pollack, andererseits wirke diese Haltung schizophren, weil die allermeisten Türken sich in Deutschland wohl fühlen. Das ergab eine großangelegte Befragung aus dem Vorjahre, mit teils überraschenden Ergebnissen.

Die befragten Türkisch-Stämmigen bewerteten ihren Islam absolut positiv, nur er könne die Probleme der Welt lösen, sie schätzten auch das Christentum als positiv ein. Im Gegenzug wurde von Christen der Islam negativ gesehen, sie seien gegenüber dem Islam kritisch bis ablehnend eingestellt. Aber es gebe keinen Konflikt zwischen Christentum und Islam, eher machte Pollack Spannungen zwischen Islam und westlicher Welt aus. Nicht zuletzt auch dadurch befördert, dass sich die Türkisch-Stämmigen als Bürger zweiter Klasse fühlen, sie leiden unter einem Gefühl der Geringschätzung. Ein ähnlich zweideutiges Ergebnis brachte die Frage nach der Integration: Die Mehrheit hält die Kenntnisse der deutschen Sprache für entscheidend, für die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft spricht sich aber nur eine Minderheit aus.

Natürlich hat die Umfrage auch die Rolle von Mann und Frau untersucht. So hätten sich die jungen Frauen weitgehend der modernen Mehrheitsgesellschaft angepasst, stuften sich aber durchaus als religiös ein, auch wenn sie nicht unbedingt die Moschee besuchten. Die islamischen Gebote sind für viele wichtiger als die Gesetze des Staates. Krasse Unterschiede zwischen Deutschen und Türkisch-Stämmigen ergab die Frage nach der Bewertung der eigenen Religion. 50 Prozent der Türkisch-Stämmigen sahen im Islam die einzig wahre Religion, von den Christen votierten gerade mal vier Prozent für ihre eigene Religion. „Wir sind ein religiös plurales Land und offen gegenüber Vielfalt“, so Pollack.

Natürlich zog der Religionssoziologe auch Schlussfolgerungen aus seinen Untersuchungen. So habe sich in der Befragung eine starke Tendenz zur religiös kulturellen Selbstbehauptung ergeben, andererseits müsse man den Türkisch-Stämmigen einen Mangel an Selbstkritik attestieren. Natürlich habe es auch in der Mehrheitsgesellschaft Versäumnisse bei der Integration gegeben, beispielsweise sei die Leistung der Türkisch-Stämmigen zu wenig gewürdigt worden. Der Weg zur Integration sei noch weit, so der Referent, der zugleich Sprecher des Exzellenz-Clusters Religion und Politik der Universität ist.

An den fesselnden Vortrag schloss sich eine intensive lebhafte und lange Diskussion an, der Referent erhielt reichen Beifall für seinen informativen und mit vielen Tabellen und Zahlen gespickten Vortrag.                 E. O.