Gerhard Richter stellt alles in Frage

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Ausstellungsbesuch am 27. April 2017

Selten wohl ist ein Künstler und sein Werk so sehr relativiert worden wie bei unserem Besuch der Richter-Ausstellung im Essener Museum Folkwang:

„Es ist nicht alles so, wie es scheint“, gab unsere Führerin gleichsam eine Devise aus, kritisch hinzugucken und vielleicht sogar dahinter zu sehen. Bei Gerhard Richter wird alles in Frage gestellt, auch die Kunst und er selbst. Unsere Führerin hatte einen besonderen Draht zu Gerhard Richter, hat sie doch vor 30 Jahren über ihn promoviert.

Dabei sind es ja nicht einmal Originale, sondern Serien: Editionen, 170 an der Zahl, aus mehreren Jahrzehnten seines Schaffens, wobei sich Richter vielerlei Methoden und Stile bedient, er zitiert, variiert, reflektiert, so dass den Interpretationen breiter Raum gelassen wird. „Wahrscheinlich erzählt meine Kollegin bei ihrer zweiten Gruppe ganz was anderes.“ Er fotografiert, übermalt dann die Fotos und fotografiert sie wieder ab, arbeitet mit Unschärfe, mit Computertechnik. Er suggeriert eine unklare Sicht auf die Dinge, das alles erfolgt nicht spontan, sondern überlegt. So spiegeln sich die Besucher in den dunklen Scheiben, hinter denen sich Fotografien eines Schädelgemäldes verbergen – Gemahnung an die eigene Endlichkeit? Und dann der einladende Spiegel zwischen Bildern, der sich ständig mit neuem Inhalt füllt – Beliebigkeit? Was unsere Führerin zu der programmatischen Frage veranlasste, was macht denn eine Sache zur Kunst? „Wenn sie im Museum hängt und die Unterschrift von Gerhard Richter trägt“, war natürlich ironisch gemeint.

Zwangsläufig wurde nach der Besichtigung die Frage gestellt, was denn Gerhard Richter auf den Olymp der zeitgenössischen Kunstszene gebracht hat, schließlich gilt er als teuerster Maler der Welt, seine Kerze erzielte 12 Millionen bei einer Versteigerung, ein Gemälde gar mehr als 40 Millionen. Auch auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort, wahrscheinlich ist es eine rasante Wechselwirkung von Kunstmarkt und Künstler, von Kunstkritikern und Ausstellungen, die seinen Marktwert astronomisch beflügelt haben. Darüber könnte man lange räsonieren. Auf jeden Fall war der Besuch dieser Ausstellung hoch interessant und informativ, denn er warf auch Schlaglichter auf den modernen Kunstbetrieb.

Und hierfür durften wir dem Ehepaar Niehoff danken, Gaby und Manfred, die diese Museumsfahrt wie immer klug und mit Umsicht organisiert haben. Denn die Nachfrage war bei weitem größer als die Kapazität, so dass vielfach jongliert werden musste mit Ab- und Anmeldungen. Dass diese Rechnung zum Schluss aufgeht, zeigt die Meisterschaft der beiden. Danke dafür!      E.O.