Sachsen-Reise zwischen Stasi und Auerbach

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Studienfahrt des CC vom 2.-8. Juli 2017

Was ist den Komponisten Bach, Telemann, Mendelssohn, Wagner, Grieg gemein – sie alle, und weitere mehr, lebten und wirkten in Leipzig und sind seit 2012 auf der Leipziger Notenspur verbunden und erschlossen: Vielleicht war das der inhaltliche Höhepunkt der themenreichen Studienfahrt des Civilclubs vom 2. bis 8. Juli nach Leipzig und Halle,

die Dr. Renate Düttmann-Braun als Reiseleiterin feinsinnig zusammen gestellt hatte. Die Notenspur, einzig in Deutschland und von einer Privatinitiative realisiert, soll für das Kulturerbesiegel angemeldet werden. Unser Rundgang wurde im Grieg-Haus anspruchsvoll unterbrochen durch ein kleines Klavierkonzertino.

Natürlich dominiert in Leipzig der Thomaskantor Johann-Sebastian Bach, ist in zwei Denkmälern präsent, Bach-Museum und Bach-Archiv, Bach-Stüble und Bach-Kaffee (die Kaffeekantante lässt grüßen), das musikalische Genie scheint allgegenwärtig, und doch war die Entwicklung mit seinem Tode über das Genie hinweg gegangen. Er wurde auf dem Johannisfriedhof begraben, viel später erinnerte man sich seiner, bemühte sich um seinen Schädel, nach dem sein Aussehen rekonstruiert wurde. Damit nicht genug, 1945 wurden seine Gebeine aus der zerbombten Johanniskirche abtransportiert auf einem Bollerwagen und zur Thomaskirche gebracht: Herr Superintendent, hier haben Sie den Bach. Dort im Chor ist jetzt seine Grabplatte zu sehen. Einziger Wermutstopfen: Die weltberühmten Thomaner waren in den Sommerferien.

Leipzig und auch Halle überraschten mit einer gepflegten baulichen Atmosphäre, in der man gemütlich zusammen sitzen kann, was vor allem von der Jugend ausgiebig betrieben wurde. Mit mehreren Besuchern abends im Barfüßergäßchen einen Patz zu finden, war nahezu aussichtslos. Zum Programm gehörte natürlich auch die lokale Gastronomie, beispielsweise im Haus „Zum arabischen Coffe Baum“, dem ältesten Kaffeehaus Deutschlands. Oder in Barthels Hof, wo uns das originale Leipziger Allerlei serviert wurde – mit Flusskrebsen! In Auerbachs Keller standen nicht nur Mephisto und Faust Spalier, in der Goethe-Stube soll der Dichter in seinen Studentenjahren mit Kommilitonen gezecht haben. Und wem haben wir diese Pracht zu verdanken? Dem Baulöwen Jürgen Schneider, der die Mädler-Passage ohne Geld, aber mit fünf Milliarden Schulden wieder aufbaute und zum Dank als Hofnarr auf einem Bild in Auerbachs Keller verewigt ist. Dieses Milieu soll Goethe zu seinem Faust inspiriert haben.

Die Stadt wird seit 1913 vom Völkerschlachtdenkmal dominiert, einem schier ungeheuren Klotz, den unser Führer in esoterische Zahlenspielerei (Symbolik) zerlegte, angesichts der damals in der Elite vorherrschenden Freimaurerei nicht überraschend, aber auch nicht überzeugend. Faszinierend war der Blick in Halle in das astronomische Wissen unserer frühen Vorfahren: Die geheimnisvolle Himmelsscheibe von Nebra zog uns im Landesmuseum für Vorgeschichte in ihren Bann. Und wenn man sich den Krimi um Sicherung und Erwerb vor Augen führt, ist man geneigt an Wunder zu glauben.

Neben der Nikolaikirche, dem Zeugnis der friedlichen Revolution, war es vor allem die „Runde Ecke“, die Stasi-Zentrale, die die aktuelle Zeitgeschichte hervorrief. Bedrückend allein schon die schäbigen Räume, geeignet Klaustrophobie auszulösen. Und was uns die Führerin berichtete, konnte nur ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen. So hatten die Stasi-Mitarbeiter mit Hilfe von Psychologen eine raffiniert höllische Methode zur Zerrüttung bestimmter Personen ausgetüftelt. Danach drangen sie mit Nachschlüsseln in die Wohnung ein und veränderten bestimmte Dinge, ohne dass der Wohnungsbesitzer ahnen konnte, dass jemand in seine Vierwände eingedrungen war. Das wurde so lange wiederholt, bis die Person an sich selbst zweifelte und einen Nervenzusammenbruch erlitt. Hier am Ort des Wissens erhofften wir uns eine Antwort auf die oft gestellte Frage: War Gregor Gysi IM, informeller Mitarbeiter der Stasi? Die Antwort war verblüffend und aufschlussreich zugleich: Darauf darf ich keine Antwort geben. Geschichte wird hier greifbar. Im Spätherbst 1989 stand die Entscheidung buchstäblich auf Messers Schneide, die SED-Stellen hatten bereits alles organisiert für eine gewaltsame Niederschlagung – die überwältigende Friedfertigkeit hatte die Bonzen entwaffnet. Dieser Bericht kann nur einige Tupfer wiedergeben dieser abwechslungsreichen und intensiven Studienfahrt, die alle Teilnehmer restlos begeisterte. Der Reiseleiterin galt unser gebührender Dank.                              Erhard Obermeyer