Bulgarien zwischen römischem Erbe und modernem Aufbruch

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Reise des Civilclubs vom 6. - 13. Juni 2017

21 Reiseteilnehmer stiegen am 6. Juni 2017 am späten Nachmittag in Sofia aus dem Flugzeug. Sie wurden dort vom Reiseleiter Dr. Vesselin Valkow empfangen. Dieser ist Vice-President der Association of Bulgarien Tour Guides. Mit hervorragenden Deutschkenntnissen war der promovierte Kunsthistoriker der ideale Begleiter durch ein uns unbekanntes Land.

Der erste Tag war natürlich der Hauptstadt Sofia vorbehalten. Sie hat 1,5 Millionen Einwohner und imponiert als großartige Metropole. Als Serdica war sie Hauptstadt der römischen Provinz Thrakien. Sofia wurde im Jahre 1879 die Hauptstadt des neuerstandenen Bulgarien – sie sprechen von der „Wiedergeburt“ (Erneuerung der nationalen Identität nach der osmanischen Besatzung).

Sie imponiert durch ein prächtiges Zentrum mit großen Kathedralen, dem Zarenschloss als Regierungssitz, Bankenpalästen und Museen, eleganten Geschäften, Jugendstilhäusern, großen und kleinen Parks und Plätzen, leidet aber auch, wie alle Metropolen, unter von Autos, Lastwagen und Baustellen verstopften Boulevards. Unter dem Platz der Unabhängigkeit wurden die Fundamente der römischen Hauptstraße ausgegraben. Von Glasdächern geschützt, ist sie zu begehen und imponiert durch ihre Großzügigkeit.
Und über allem wacht auf einem großen Sockel die Göttin Sofia, Gesicht und Hände vergoldet, stolz über die Stadt.
Am nächsten Tage begann die fünftägige Rundreise durch weite Teile des Landes. Wir sahen große Gebirgszüge, teilweise mit bizarren Felsformationen, auch sanften Hügeln, tiefe Täler mit von reißenden Flüssen durchströmten Schluchten, weite, fruchtbare Talebenen, ausgedehnte Wälder und liebliche Auen.

Um ein Land zu verstehen, muss man seine Geschichte kennen. Schon 3000 Jahre v. Chr. siedelten hier die Thraker, deren glanzvolle Zivilisation sich weit ausdehnte. Der Reichtum der Region zog zunächst die Makedonier, dann die Römer an. 
45 n. Chr. wurde sie römische Provinz. Zwangsläufig kam es zur Annäherung an das byzantinische Reich. Eingewanderte slawische Stämme verbanden sich mit Protobulgaren aus Zentralasien und begründeten, unterbrochen durch zwei Jahrhunderte byzantinischer Herrschaft, zwei machtvolle Bulgarische Zarenreiche. Durch die im neunten Jahrhundert n. Chr. erfolgte Christianisierung und die Einführung der kyrillischen Schrift entstand die bulgarische Identität, welche bis in heutige Zeit hineinwirkt. 500 Jahre osmanischer Herrschaft konnte diese nicht beseitigen.
Der Freiheitskampf im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begründete die Bulgarische Wiedergeburt. Doch das Ziel eines neuen Bulgarischen Großreiches wurde verfehlt. Balkankriege, zwei Weltkriege an der Seite Deutschlands, die kommunistische Herrschaft bis 1990, erst danach konnte das Land einen neuen Anfang mit dem Eintritt in die EU starten.

Wir sahen auf unserer Rundreise viele alte und neue Städte. Sandanski im Süd-Westen ist ein moderner Kurort mit einer eleganten Flaniermeile und einem großen Kurpark. Bansko, am majestätischen Piringebirge gelegen, ist ein florierender Wintersportort mit gepflegten Straßen und Plätzen und besterhaltenen Wiedergeburtshäusern. Ganz anders Melnik, einstmals mit 20 000 Bewohnern eine berühmte Stadt des Weines mit Exporten in alle Welt, heute mit noch 250 Bürgern die kleinste Stadt Bulgariens. Das Kordopulov-Haus zeigt mit reicher Ausstattung die Wohnkultur der reichen Weinhändler. Ein in den Sandstein gebauter Tunnel ist noch heute ein funktionierendes Weinlager. Allerdings ist der Zuweg mit kreuz und quer verlegten Rundsteinen eine Herausforderung für die Besucher und nur mühsam zu bewältigen.

Plovdiv, einst Hauptstadt Thrakiens, wird im nächsten Jahr Weltkulturhauptstadt. Die Altstadt mit bemerkenswerten Bürgerhäusern aus der Wiedergeburtszeit, einem römischen Theater aus dem zweiten Jahrhundert, als Lebensader eine ausgedehnte und elegante Fußgängerstraße, an deren Beginn als Ausgrabungszone ein Teil eines römischen Stadions sichtbar gemacht wurde. Die Stadt imponiert als wirtschaftliches und – als Hauptstadt der Provinz Ostrumelien – politisches Zentrum durch ihre Ausstrahlung und Eleganz und durch ihre großartigen Kirchen.

Veliko Karnovo, einst Hauptstadt des zweiten Bulgarischen Reiches und bis zur Osmanischen Eroberung eines der wichtigsten politischen und kulturellen Zentren des Balkans, imponiert durch eine spektakuläre Lage an den Hängen des Flusses Yantra, darüber zeigen sich mächtige Mauern und Zinnen der Zarenfestung auf dem Zarevezhügel.

Ein wesentlicher Teil unserer Besichtigungen war der Besuch bedeutender Klöster sowie der vielen orthodoxen Kirchen in den Dörfern und Städten. Im Mittelalter Zentren der Christianisierung fanden sich hier – nicht anders als in der lateinischen Kirche – die Mönche zusammen, um Lesen und Schreiben zu erlernen, um Schriften zu kopieren. Sie blieben nicht von Verfolgung und Zerstörung durch die Osmanen verschont. Vor allem die abgelegenen Klöster trugen dazu bei, die bulgarische Identität und Kultur zu erhalten. Häufig umgeben von festungsartigen hohen Mauern zeigten sie innen eine großartige Wohnkultur und vor allem prächtige Kirchen mit reich geschmückten Ikonostasen, flächenhaft vergoldet, mit Wandbildern bis hoch in die Kuppeln hinauf, welche Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament zeigten.

Das gleiche gilt für viele andere Kirchen im Lande. Vor allem nach der Wiedergeburt wurden viele Zerstörungen aus der Osmanischen Zeit wiederhergestellt. Die Pracht und den schmückenden Prunk sahen wir im Rilakloster (gelistet als Weltkulturerbe), im Roschenkloster, auch im Batschkowokloster mit seinem herrlichen Refektorium und im Trojankloster. Ikonen- und Wandmalereien werden heute noch von vielen Malerschulen mit großer Hingabe im ganzen Lande gepflegt und durchgeführt.
Interessant war der Besuch einer Rosendestillerie bei Kazanlag, in welcher traditionell Rosenöl für die Parfümproduktion in aller Welt gewonnen wird. Drei Tonnen Rosenblätter der Damaszena-Rose erbringen einen Liter Rosenöl. Doch eindrucksvoller war die Besichtigung eines Thrakischen Grabmals aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. Die enge bienenkorbartige Grabkammer zeigt in der Kuppel in wunderschönen Farben eine Szene aus dem Leben eines Fürstenpaares, welches, beim Totenmal sitzend, Besuch empfängt. Streitwagen und Pferde, das Bedienungspersonal, alles ist so fein gezeichnet – man fühlt sich an etruskische Wandmalereien erinnert.

Im Freilichtmuseum Etara taucht man ein in die Welt der Wiedergeburt 
im 19. Jahrhundert. Gaststätten, Geschäftshäuser, Wassermühlen, Wohnhäuser mit weit vorragenden Obergeschossen, alles zeigte, wie in jener Zeit gebaut wurde.

Eine spannende Reisewoche näherte sich ihrem Ende. Der Abschiedsabend in Sofia führte die Gruppe zum letzten gemeinsamen Abendessen zusammen. Dr. Gabriele Peus-Bispinck sprach im Namen aller den Dank an unseren Reisebegleiter Dr. Valkow aus und sie vergaß auch nicht unseren wackeren, hilfsbereiten und souveränen Fahrer Mario. Beide wurden mit einem ansehnlichen Geldgeschenk für ihre Mühen und ihre Geduld bedacht. Am folgenden Morgen beendete der Besuch des neuerbauten und informativen Nationalmuseums in Sofia unsere Studienreise. Die Lufthansa brachte uns sicher zum Flughafen Münster – Osnabrück zurück. Alle waren tief beeindruckt von den Erlebnissen, den Städten und Landschaften, den großartigen Kunstschätzen in Klöstern und Kirchen, aber auch den freundlichen Menschen dieses für Westeuropäer vergessenen Landes.

Es bleibt noch der Dank an unsere Reiseleiterin Dr. Gabriele Peus–Bispinck und ihren so bescheiden im Hintergrund wirkenden Mitstreiter Johannes–Hermann Steffens für ihr Engagement und ihre Organisation vor und während der Reise.

Bericht Helmut Pieke