Feind oder Freund - der große Nachbar im Osten

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Damenkaffe am 05. September 2017

Eine Befragung Jugendlicher im Jahre 1992 rüttelte die Verantwortlichen auf: Die jungen Niederländer stuften ihre deutschen Nachbarn noch 47 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als kriegslüstern ein

– zähe Vorurteile bestimmten ihre Außensicht, die auf die NS-Zeit verengt war. Ein Umsteuern bewirkte einen emotionalen Wandel in der Wahrnehmung des östlichen Nachbarn, so dass bald ein Buch den Titel tragen konnte „Warum wir die Deutschen lieben“. Dr. Renate Loos verstand es beim Damenkaffee am 5. September überzeugend, dieses schwierige Verhältnis zu erläutern, vom Eigenbild zum Fremdbild, wobei die eigene Identität immer auch das Bild von den anderen beeinflusst.

Rein geografisch schon ist die Lage der Niederlande prägend, im Osten der große Nachbar, im Westen das Meer, das Gefahr und Chance zugleich bedeutete. Die Niederländer wurden durch ihren weltweiten Handel früh schon zu selbstbewussten Bürgern in selbstverwalteten Städten, was natürlich, als im 16. Jahrhundert die spanische Monarchie die Oberhoheit ererbte, zum Konflikt, Aufstand und 80-jährigen Krieg gegen die Krone führte, der ja erst 1648 mit dem Frieden von Münster beendet wurde. Die Kolonien in Übersee brachten Reichtum und Macht, die Niederlande begriffen sich als weltoffene und leistungsfähige Nation.

Viele deutsche Eigenschaften waren den Niederländern fremd, aber die Abneigung gegen Deutschland beruhte auf Gegenseitigkeit, gerade die niederländische Sprache wurde von führenden deutschen Geistesgrößen vernichtend beurteilt. Berühmt ist ja auch das niederländische „Poldermodell“, eine Konsenskultur, in der Konflikte entschärft werden. Der Überfall und die Besetzung des Landes 1941 führten verständlicherweise zu Feindschaft und Misstrauen: Deutsch war verpönt. Die Forderung, den Deutschunterricht abzuschaffen in den Schulen, setzte sich zwar nicht durch, aber er wurde reduziert. Die Niederlande öffneten sich mehr dem angelsächsischen Einfluss.

Und wie sieht die Zukunft aus? Gute Beziehungen, aber von Missverständnissen begleitet. Renate Loos zitierte einen Ausspruch von Friso Wielenga, dem Direktor des Niederlandezentrums: Die Niederlande brauchen einfach ihre Vorurteile aufgrund der asymmetrischen Verhältnisse.
Einige muntere Fragen und Ergänzungen rundeten den hoch interessanten Nachmittag ab. Die sachkundige Referentin wurde von den über 40 Teilnehmern mit reichem Beifall bedacht.

E. O.