Literaturnachmittag am bundesdeutschen Vorlesetag

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Lesenachmittag am 17. November 2017

Der dritte Freitag im November, der Bundesdeutsche Vorlesetag, fiel mit unserem jährlichen Lesenachmittag zusammen und erfreute etliche Civilisten und Gäste mit drei bemerkenswerten Büchern. Frau Astrid Hübner referierte anschaulich mit Bildern aus der Autobiographie der Elisabeth Freifrau von und zu Guttenberg (+1998), Mutter des einstigen CSU-Abgeordneten Karl Theodor zu Guttenberg und Urgroßmutter des bekannten ehemaligen deutschen Verteidigungsministers gleichen Namens. Der Buchtitel Beim Namen gerufen spielt auf Jesaia 43 an. Die Autobiographie des bewegten Lebens der Autorin berührt in Teilen auch das Leben der Referentin selbst. Die detailreiche Darstellung der Memoiren rückt u.a. die adelige Verwandtschaft der Freifrau in den Blick und befasst sich mit den geschichtlichen Entwicklungen, die sich seit den Vorkriegsjahren des Ersten Weltkriegs bis ins Jahr der Wiedervereinigung 1989 ausgewirkt haben. Das Leben der Elisabeth von und zu Guttenberg ist geprägt von persönlichen Schicksalsschlägen, aufopfernder Nächstenliebe und rastlosem Einsatz in der katholischen Frauenbewegung - ein Buch, alles in allem, das die Lektüre lohnt.

Der Verlorene. Erzählung von Hans Ulrich Treichel (verfilmt 2015) in komprimierter Form vorgelesen von Herrn Eckard Andersson versetzt die Zuhörerschaft in die chaotische Endphase des Zweiten Weltkriegs und die Zeit der frühen Nachkriegsjahre. Der erstgeborene kleine Sohn Arnold der Familie – Findelkind 2307 - geht auf der Flucht aus den deutschen Ostgebieten in den Westen Deutschlands ‚verloren‘- ohne jemals trotz aller Bemühungen der Familie wiedergefunden zu werden. Der Verlust, die Schuldgefühle und das damit verbundene Trauma der Familie wird erzählt vom zweitgeborenen Sohn, der als nicht beabsichtigtes Einzelkind aufwächst und seine Stellung innerhalb der Familie immer wieder neu behaupten muss – auch gegenüber dem ‚Verlorenen‘. Das Schicksal der Familie ist dank der gekonnten Darstellung berührend und zu Herzen gehend. Und Herrn Andersson gelingt es, durch glückliche Auswahl von Erzählpassagen des Ich-Protagonisten mit Akzenten auf dessen kindlich unbedarfte Weltsicht und manche Elemente von Komik die Zuhörer interessiert zu halten.

Das dritte Buch Ostende von Volker Weidermann, vorgestellt von Herrn Johannes Krause-Isermann, ist Fiktion und historisch verbürgte Erzählung gleichermaßen. Im Sommer 1936 spielt sich im Café Flore im belgischen Ostende das Leben einer illustren expatriierten literarischen Sommergesellschaft zwischen Hoffnung und Verzweiflung ab. Im Vordergrund dieses ‚Dokudramas‘ steht das komplizierte Verhältnis der bekannten jüdischen Schriftsteller Stefan Zweig und Joseph Roth, einander verbunden in Freundschaft, Neid, Bewunderung und Liebe. Auf Nebenschauplätzen spielt sich zwischen Defätismus und Optimismus das Leben weiterer Romanschriftsteller wie Keun, Kisch, Koestler und Toller ab, die inständig hoffen nach Deutschland zurück kehren zu können und deren Rückkehr aus dem Exil mit jedem Tag doch unwahrscheinlicher wird. Die existenzielle Not führt zu Extremsituationen wie beispielsweise im Falle Ernst Tollers. Als Jude und politisch Verfolgter aus seiner Heimat ausgebürgert führt er, für den Fall der Fälle, in seinem Koffer einen Strick mit.

Den Referenten und Vorlesern der drei Bücher, die jeweils mit großem Applaus bedacht wurden, sei für ihre Bereitschaft und Mühe von uns allen herzlich gedankt!

In eigener Sache: Freuen Sie sich schon jetzt auf den Literaturnachmittag am Freitag, den 2. November 2018. Save the date!                                                                      Carmen Schleiermacher