Maria Theresia zwischen Liebe und eisernem Regiment

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Vortrag am 15. Februar 2018

Zum ersten Vortragsabend im neuen Jahr durfte der CC Frau Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger als  Referentin begrüßen, die Person und Werk der österreichischen Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellte.

Die in Münster lehrende und für ihr wissenschaftliches Werk vielfach ausgezeichnete Historikerin hat vor zwei Jahren eine Biographie der Kaiserin veröffentlicht, für die sie den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik erhielt. Der interessierte Leser begegnet also hier einmal dem seltenen Fall, dass ein dickleibiges Buch wissenschaftliche Seriosität mit fesselnder Lesbarkeit vereinigt, so dass einer Karriere als Bestseller möglicherweise nichts im Wege steht.

Die Referentin stellte denn auch Kernaussagen des Buches in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen, die sie mit Bildmaterial aus dem 19.Jahrhundert veranschaulichte. Je kleiner das Reich der Habsburger im Laufe der Zeit wurde, desto mehr wurde die Kaiserin zur mythischen Figur, zu einer Art Madonnengestalt verklärt. In der Tat gestaltete sich ihre Thronbesteigung trotz der vom Vater vorsorglich erlassenen Pragmatischen Sanktion zu einem Einfallstor konkurrierender Ansprüche der Nachbarn. Mit bemerkenswerter Energie konnte sie sich letztlich der Okkupationen erwehren – mit  der Ausnahme Schlesiens, das unter Friedrich dem Großen zu einem festen Bestandteil des preußischen Staates wurde. Aber auch er versagte ihr – trotz seiner Spottlust – Ehre und Anerkennung nicht.

Nicht nur für ihre Landeskinder, sondern für die ganze Mitwelt inszenierte sich Maria Theresia als Symbol der familiären Eintracht. Ihrer Ehe mit Franz Stephan von Lothringen entsprossen 16 Kinder, von denen zehn sie überlebten. (Ihr jüngster Sohn Max Franz war übrigens der letzte Fürstbischof von Münster). Auch sie konnte zwar letztlich nicht verhindern, dass ihr Mann sich nach der Sitte der Zeit mit Favoritinnen umgab, aber sie hielt über den Tod hinaus am Ideal der ehelichen Treue fest, wofür der berühmte, von der Mitwelt freilich als anstößig empfundene gemeinsame Prunksarkophag in der Kapuziner­gruft ein sprechender  Beleg ist.

Der Einfluss der Aufklärung auf ihr Denken und Handeln, sofern überhaupt vorhanden, versagte leider ganz im Blick auf die Behandlung, die sie ihren protestantischen und jüdischen Untertanen zuteil werden ließ. Da konnte von toleranter Politik gar keine Rede sein. Die Landbevölkerung, soweit sie sich dem Luthertum angeschlossen hatte, wurde mit eiserner Konsequenz bis in die letzten Gebirgstäler aufgestöbert und, wenn sie nicht konvertierte, nach Siebenbürgen deportiert, wo die Mehrzahl aus Mangel an Nahrungsquellen verhungerte. In Prag wurde eine totale Austreibung der alteinge­sessenen jüdischen Bürger durchgeführt, die sich nur in biblischen Schreckensbildern beschreiben lässt. Internationale Interventionen, selbst Sachargumente dagegen  aus dem eigenen Lager stießen bei der Kaiserin auf taube Ohren.

In ihren letzten Jahren setzte Maria Theresia ihren Sohn Joseph II. als Mitregenten ein. Ihre Beziehung muss allerdings als Hassliebe bezeichnet werden, die noch durch die offenkundige Verehrung des jungen Monarchen für Friedrich d. Gr. verschärft wurde. Andererseits entließ sie ihn auch nicht aus seiner Verantwortung. Nachdem sie es ihm zunächst untersagt hatte, setzte sie später selbst die Bauernbefreiung in Böhmen ins Werk und steuerte dabei einen radikaleren Reformkurs als er.

In lebensvoller Abfolge von Referat, ausgewählten Bildern und Textlesung wurde ein Porträt der Kaiserin vermittelt, das so reich an Nuancen war, dass sich kaum das Bedürfnis nach Zusatzfragen regte. Allerdings mag sich bei so manchem Hörer der Wunsch nach näherer Bekanntschaft nach Stollberg-Rilingers Buch bzw. auch nach ihren älteren Publikationen eingestellt haben. Mit lebhaftem Beifall bedankte sich das Auditorium für den gehaltvollen Abend.                                          Peter Riegelmeyer