Durch den Tierkreis der antiken Astrologie

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Vortrag von Prof.Dr. Hübner am 02. Oktober 2018

Den Vortrag über die Bedeutung der Astrologie in der Antike leitete Präsident Johannes Krause-Isermann mit einem Wort des Aufklärers Immanuel Kant ein, das da lautet: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Ich sehe sie beide vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz.“ (Kritik der praktischen Vernunft, 1788, Kap. 34)

Ehrfurcht bedeutet das Staunen über das Unfassbare, das Unerklärliche sowie eine daraus resultierende, mit Verehrung einhergehende Furcht. Wenn selbst der Aufklärer Kant Ehrfurcht angesichts des Sternenhimmels über ihm empfand, wie viel Furcht und Staunen mag Menschen des Altertums und der Antike erfüllt haben, wenn sie bei Nacht gen Himmel schauten. Sie brauchten gültige Gewissheiten für ihre irdische Existenz, die sie nach einem Orientierungsrahmen suchen ließen, der ihnen Halt geben konnte. Auf der Suche nach Ordnung und Orientierung glaubten die Menschen des Altertums und der Antike, einen Zusammenhang zwischen Gestirnkonstellationen im fernen Kosmos und Naturereignissen auf der Erde gefunden zu haben. Darüber hinaus unterstellten sie den magischen Kräften der Sterne, die Lebensbedingungen menschlicher Gemeinschaften sowie die der Individuen beeinflussen zu können.

Zu Beginn seines Vortrags wies Prof. Hübner darauf hin, dass die Astrologie durchaus noch nicht völlig aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden sei, obwohl die Moderne eine unvergleichlich bessere Kenntnis der Verhältnisse des Kosmos habe. So versuchten z. B. die Engländer im Zweiten Weltkrieg die Astrologie als Kampfmittel gegen die Deutschen einzusetzen. Auch sollen Nancy Reagan und Präsident Mitterand schon einmal Zuflucht bei der Astrologie gesucht zu haben. Was er im Folgenden ausführen werde, so Prof. Hübner, sei selbstverständlich rational nicht zu hinterfragen, geschweige denn empirisch zu beweisen. Sein Vortrag gebe zum Teil die vom griechischen Mathematiker und Astronomen Hipparchos von Nicäa (um 190 v. Chr. – um 120 v. Chr.) gewonnenen Vorstellungen wieder, die dieser aus seiner Beobachtung des Himmels über dem Mittelmeerraum gewonnen habe und die in Antike und Mittelalter weiter ihre Gültigkeit hatten.

Ausgehend vom Zweistromland über Ägypten und Griechenland fand die orientalische Astrologie vor allem in hellenistischer Zeit ihren Weg nach Rom; von dort gelangte sie später zu den Völkern nördlich der Alpen, wo sie jedoch im Vergleich zum Christentum eine untergeordnete Rolle spielte. In Altertum und Antike war die Astrologie, noch nicht unterschieden von der Astronomie, allgegenwärtig. So bewirkte angeblich der helle Fixstern Sirius z. B. die Nilüberschwemmung im Sommer in Ägypten. Ganze Sterngruppen, die die menschliche Phantasie zu so genannten Tierkreiszeichen zusammenfasste und die sowohl Tiere, menschliche Wesen (Jungfrau) oder Gegenstände (Waage) scheinbar abbildeten, lenkten das Schicksal von Völkern und Individuen. Die Sternbilder wurden nicht nur mit individuellem menschlichem Schicksal in Verbindung gebracht, sondern sie gaben durch ihr periodisches Erscheinen auch Orientierung in der dahin fließenden Zeit. Sie waren die Ursache für das Entstehen des Kalenders, d. h. für die Strukturierung und Rhythmisierung der Zeit.

Prof. Hübner erläuterte im Folgenden den an Sternbildern orientierten Jahresverlauf anhand von Illustrationen aus verschiedenen Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden. So begannen die Ägypter ihr Sternbild Krebs im Sommer, wenn der helle Sirius sichtbar wurde und die Nilüberschwemmung begann. Für die Römer hingegen öffnete sich das Jahr in älterer Zeit im März, dem Monat des Gottes Mars und dem Sternbild des Widders. Im ersten Jahrhundert v. Chr. verlegte Caius Julius Caesar den Jahresanfang jedoch auf den Januar, einen Jahresanfang, der für uns bis heute gültig ist.

In Anlehnung an die 12 Tierkreiszeichen wurde auch der äußere menschliche Körper in 12 Regionen eingeteilt und den Gestirnkonstellationen zugeordnet, während man die inneren Organe im Einflussbereich der Planeten sah. Der wollige Widder war für den Kopf zuständig, der Stier für den Hals, die Zwillinge für die Arme, der Krebs für den Brustkorb, der Löwe für das Herz, die Jungfrau für den Darm, der Skorpion für die Genitalien, der Schütze für die Oberschenkel, der Steinbock für die Knie, der Wassermann für die Schienbeine sowie die Fische für die Füße. Die Waage hingegen verlieh dem menschlichen Körper das nötige Gleichgewicht. Prof. Hübner zeigte verschiedene so genannte Tierkreismännchen aus Handschriften des Mittelalters sowie Drucken aus der frühen Neuzeit, die in der damaligen Medizin von Bedeutung waren, wenn es um die Festlegung von Zeitpunkten für ärztliche Eingriffe ging.

Der Vortrag machte deutlich, dass Menschen bei der Deutung ihrer Welt von jeher Orientierung in außerirdischen Sphären suchten. Dabei hatten die Sterne den unsichtbaren Göttern bzw. dem unsichtbaren Gott etwas voraus: sie waren sichtbar. Sie erschienen in regelmäßigen Zeitabständen und beeindruckten mit ihrem funkelnden Glanz.

Dem interessanten Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Die Zuhörer dankten dem Referenten mit lang anhaltendem Beifall für seine kenntnisreichen, detaillierten Ausführungen.                                               Renate Loos