Im Labor der Textforscher

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Vortrag von Prof. Strutwolf und Dr. Graefe am 09. Oktober 2018

Vortragende des Abends am 25. Oktober sind Herr Prof. Dr. theol. Holger Strutwolf und Herr Dr. Jan Graefe. Herr Prof. Strutwolf ist seit 2004 Direktor des INTF, des Instituts für neutestamentliche Textforschung, und des Bibelmuseums, einer Abteilung des INTF. Herr Dr. Graefe ist Kurator des Bibelmuseums.

Das INTF wurde 1959 und das Bibelmuseum 1979 von dem ev. Theologen Prof. Dr. Kurt Aland gegründet und bis zu seiner Emeritierung 1993 von ihm geleitet. Danach übernahm seine Frau, Prof. Dr. Barbara Aland, die Leitung bis 2004. Ihr Nachfolger wurde Prof. Dr. Strutwolf. Das INTF gilt in der ganzen Welt als das Zentrum der neutestamentlichen Bibelforschung.

Seit seiner Gründung 1959 arbeiten dort Textforscher an der Rekonstruktion des handschriftlichen Urtextes des Neuen Testaments in griechischer Sprache (Editio critica maior). Griechisch war in der Antike die lingua franca (vermutlich war auch Jesus des Griechischen mächtig). Alle originalen Handschriften der neutestamentlichen Texte sind verloren gegangen. Den Forschern liegen nur Abschriften aus späteren Jahrhunderten vor. Sie unterscheiden sich in vielen Punkten (fehlerhaftes Abschreiben, eigenmächtige Verbesserungen, Interpretationen). Die Abschriften finden sich u.a. in Medien wie Papyri (Johannesevangelium, beidseitig beschrieben in Majuskelschrift, ohne Wort­trennung, 2.Jh.), in Schriftrollen in Majuskelschrift, ohne Worttrennungen, ab dem 4.Jh. in Codices mit Blättern und Einteilung in Kolumnen (Codex Vaticanus Graecus, 324 n.Chr.), ab dem 8./9.Jh.in Minuskeln (Texte in Kleinschreibung und Worttrennungen), ab dem 15.Jh. in gedruckten Texten.

Ein Beispiel für die Schwierigkeiten bei der Textkritik findet sich im Römerbrief 16,2. Dort taucht ein griechischer Name auf. Man kann nicht eindeutig ermitteln, ob es sich um einen männlichen Apostel JUNIAS oder um eine weibliche Apostelin JUNIA handelt. Die Akzentsetzung ist unklar und einzelne Buchstaben und Korrekturen sind nicht deutlich lesbar. Prof. Strutwolf ist aufgrund seiner Forschungen der Meinung, dass es sich um eine Frau (Apostelin) handelt. Trotz akribischen Textstudiums und trotz Unterstützung durch moderne Technik, wie Fotografie, Radiologie und Digitalisierung bleiben Fragen offen.

Ein Teil des geplanten Vorhabens des INTF, nämlich die Rekonstruktion der Texte des Neuen Griechischen Testaments, ist weitgehend abgeschlossen. Die Evangelien und die Katholischen Briefe haben im Nestle-Aland Eingang gefunden. Das INTF ist auch weltweit anerkannt aufgrund der Herausgabe des NOVUM TESTAMENTUM GRAECE, bekannt unter dem Namen Nestle-Aland. Es erscheint inzwischen in der 28. Auflage in allen Weltsprachen. Es ist ein interkon­fessionelles Standardwerk und die Basis für die praktische Arbeit der Theologen weltweit und die Grundlage für fast alle modernen Bibelübersetzungen.

Das Bibelmuseum ist z.Zt. wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen. Es wird auf den neuesten Stand gebracht (Aufzug, Klimatisierung etc.). Bei den Bauarbeiten im Innenhof wurden Fundstücke aus dem Mittelalter entdeckt. Sie sollen nach der Neueröffnung im Museum ausgestellt werden. Bei Grabungen hat man auch Reste eines Abwasserkanals aus dem Mittelalter gefunden. Nach dem Umbau wird im Innenhof des Museums eine Plastik von Serra stehen.
Das Bibelmuseum verfügt über die weltweit umfassendste Sammlung von Bibeln. Grundlage des Bestandes ist die private Sammlung des Bischofs Hermann Kunst nebst weiteren Schenkungen, Zukäufen und Leihgaben. Zu erwähnen ist auch das umfangreiche Fotomaterial, das Prof. Aland von seinen Handschriftenreisen mitbrachte. Zum Bestand des Museums gehören u.a. Handschriften auf Papyrus, Pergament und Papier, repräsentative Buchdrucke des griechischen Neuen Testaments, Bibelillustrationen berühmter Maler, wie Hans Holbein d.J., Marc Chagall, ins Deutsche übersetzte Bibeln aus der Zeit vor Luther, Luther-Bibeln und neuere Bibelübersetzungen und eine originalgetreue nachgebildete Gutenberg-Presse. Selbstverständlich befinden sich im Museum auch Forschungsergebnisse des INTF.

Ein ganz besonderer Schatz des Museums ist die Lutherbibel von 1545 mit eigenhändiger Widmung des Reformators von 1546 aus seinen letzten Lebenstagen. Er schreibt etwa sinngemäß, dass Christus nicht als Richter, sondern als Tröster und Friedensstifter in die Welt gekommen ist. Diese Bibel ist für Prof. Strutwolf ein ganz besonders wertvolles Exponat.

Weiter ist besonders wertvoll ein alter Lehmziegel, der 1913 von dem Archäologen R. Koldewei in Babylon ausgegraben wurde. Das Museum besitzt den Ziegel seit 30 Jahren. Schichtaufnahmen im Computertomografen des UKM haben gezeigt, dass der Ziegel Pflanzenreste aus der Zeit um 560 v.Chr. enthält. Außerdem klebt an ihm Bitumen (Luther übersetzt: Erdharz), das damals als Bindemittel für Mauern verwendet wurde. Der Ziegel ist mit dem Namen des Königs Nebukadnezar gestempelt. Es gibt weltweit noch 150 gestempelte Ziegel. Damit gibt es einen archäologischen Befund, der die Erzählung vom Turmbau zu Babel im 1. Buch Moses des Alten Testaments (Genesis) bestätigt.

Im Anschluss an die Ausführungen von Herrn Professor Strutwolf und Herrn Dr. Graefe wurde noch lebhaft diskutiert. Nach den Dankesworten des Präsidenten zeigte der lang anhaltende Applaus, dass die Vorträge sehr gut gefallen haben.                 Doris Stern