Sterbebegleitung oder Sterbehilfe

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Vortrag von Dr. Windhorst am 05. November 2018

Es war sicherlich kein Zufall, dass der Vortrag zu diesem außergewöhnlichen Thema in die Zeit zwischen Allerheiligen und Totensonntag fiel - in die Zeit des Totengedenkens und der Grabpflege.
Dr. Theodor Windhorst begann mit der Darstellung der ärztlichen Körperschaften im Kammerbezirk Westfalen - Lippe, der Ärztekammer für die Ethik und der Kassenärztlichen Vereinigung für die Monetik, wie er humorvoll verkürzte. Dieser Bericht bezieht sich allerdings auf das Kernthema: Sterbebegleitung oder Sterbehilfe – die ärztliche Verantwortung am Ende des Lebens.

Der Paragraph 217 STGB (2015) stellt die geschäftsmäßige Ausübung von Sterbehilfe unter Strafe. Nach Paragraph 16 der (Muster-) Berufsordnung-Deutscher Ärztetag haben Ärzte und Ärztinnen Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und Achtung ihres Willens beizustehen. Tötung auf Verlangen und Hilfe zur Selbsttötung sind ihnen verboten. Sie DÜRFEN keine-Hilfe zur Selbsttötung leisten.

Nach einer zeitgemäßen Form des seit der Antike gültigen Eides des Hippokrates aus dem Jahre 1948 heißt es als Genfer Deklaration: Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. ,,Salus et voluntas aegroti suprema lex" : Das Wohl und der Wille des Patienten ist höchstes Gesetz - ,,Bene facere": Verpflichtung zum Wohltun - ,,Nil nocere": Schadensvermeidung, diese Maßstäbe sind vorgegeben beim Ziel, Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand zu leisten. Ärzte leisten Hilfe beim, aber nicht zum Sterben.
Dr. Windhorst führte dann aus, dass zur Linderung von Schmerzen, von Atemnot, Ängsten und auch Hunger und Durst doch viele Möglichkeiten vorhanden sind. Stark wirkende Schmerzmittel, Psychopharmaka und Angst lösende Medikamente stehen dafür zur Verfügung und werden in situationsangepasster Weise eingesetzt. Bei einer derartigen Palliativen Sedierung hat der Aspekt der Lebensqualität Vorrang vor einer maximalen Verlängerung des Lebens. Oberste Priorität hat das Sterben in Würde und ohne Schmerzen. Die ärztlichen Bemühungen zur Lebenserhaltung müssen dann durch eine adäquate palliativ medizinische Versorgung ersetzt werden.

Bei all diesen Möglichkeiten steht der Patientenwille über der Behandlungspflicht. Alle ärztlichen Entscheidungen müssen natürlich dem mutmaßlichen Willen des Patienten entsprechen. Vor allem ist der Wunsch des Patienten zu respektieren, ob und wie lange lebensverlängernde medizinische Maßnahmen durchgeführt werden (Berufsordnung § 7, Abs. 1). Dr. Windhorst kam dann auf das Instrument der Patientenverfügung zu sprechen. Diese ermöglicht es, den Patientenwillen für eine zukünftige Lebens- und Behandlungssituation mit rechtlich bindender Wirkung festzulegen. Doch ist es möglich, dass die Notwendigkeit, mit schweren Krankheiten zu leben, Perspektiven und Sichtweisen verändert. Verbindliche Verfügungen blenden diese möglichen Entwicklungen aus. Durch einfühlsame Gespräche und Darlegung palliativer Maßnahmen ist es allerdings möglich, derartige Verfügungen im Einvernehmen mit dem Patienten außer Kraft zu setzen.

Die Bundesärztekammer hat im Jahre 2011 die Grundsätze zur Sterbebegleitung aktualisiert. Diese Grundsätze sollen Ärztinnen und Ärzten eine Orientierung bei der Begleitung von Sterbenden geben. Alle Entscheidungen müssen unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalles getroffen werden.
Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe.

Die Entscheidung für eine palliativmedizinische Versorgung darf nicht von wirtschaftlichen Erwägungen abhängig gemacht werden.
In jedem Fall hat der Arzt für eine Basisbetreuung zu sorgen: nämlich eine menschenwürdige Unterbringung, menschliche Zuwendung, Linderung von Schmerzen, Atemnot und Übelkeit sowie Stillen von Hunger und Durst in Absprache und Konsens mit den ärztlichen und pflegenden Mitarbeitern.
Ein offensichtlicher Sterbevorgang soll nicht durch lebenserhaltende Maßnahmen künstlich in die Länge gezogen werden. Entsprechend dem Willen des Patienten darf eine Behandlung beendet werden. Dies gilt auch für die künstliche Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr.

Bei einwilligungsfähigen Patienten ist der aktuell geäußerte Wille des Patienten zu beachten, bei nicht einwilligungsfähigen Patienten ist die Erklärung ihres Bevollmächtigten bzw. Betreuers maßgeblich.
Dr. Windhorst kam auch auf die ambulanten und stationären Hospizdienste zu sprechen, welche eine segensreiche Arbeit leisten. Träger der Einrichtungen sind private Vereine, kirchliche Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsverbände. Jährlich werden mittlerweile über 30.000 Menschen betreut. Der Ausbau der Palliativversorgung ermöglicht Menschen mit existentiellen physischen und psychischen Leiden die benötigte Hilfe, menschliche Zuwendung und ein Sterben ohne Schmerzen und in Würde. Sie stützt sich auf die Kooperation von Hausärzten und Konsiliardiensten, welche die Betreuung gemeinsam mit Palliativmedizinern und -pflegekräften organisieren.

Die organisierte Sterbehilfe, wie sie in der Schweiz, in Belgien und den Niederlanden gesetzlich erlaubt ist, ermöglicht kein Sterben in Würde, sondern verstellt den Weg für eine adäquate Behandlung und Unterstützung.
Der Vortrag endete mit folgendem Fazit:
Jeder Arzt ist ein Sterbebegleiter bis zum letzten Atemzug des Patienten.
Die Sterbebegleitung kann dem Patienten ein würdiges Sterben gewährleisten.
Jegliche Mitwirkung im Bereiche des Sterbens auf Verlangen ist für den Arzt ethisch und gesetzlich unvertretbar. Gute Palliativmedizin mit einer kompetenten Symptom- und Schmerzkontrolle bietet die Möglichkeit, dem Patienten die Angst vor dem Sterben zu nehmen.

Reicher Beifall wurde dem Referenten zuteil. Die nachfolgende Diskussion zeigte, wie er die Zuhörer mitgenommen hatte in ein Thema, welches in der Gesellschaft eher verdrängt wird. Dabei wurde zu Recht daraufhin gewiesen, dass viele Ärzte nicht in der Lage sind, mit diesem Thema umzugehen. Die Frage einer entsprechenden Schulung wurde auf geworfen. Im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit war der Tod allgegenwärtig. Aufklärung und Säkularisation und die Entfernung der Menschen von der Religion haben bewirkt, dass das Thema Sterben in der Gesellschaft immer mehr verdrängt wird.
Zu Unrecht: Schon im Studium habe ich gelernt, dass das Sterben bereits mit der Geburt beginnt.                                Helmut Pieke