"Deutschland hat Rücken. Neues zur Diagnostik und Therapie"

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Vortrag mit Prof. Markus Schilgen am 22. November 2018

Der Titel dieses kürzlich erschienenen Spiegel-Bestsellers bringt es auf den Punkt: Rücken­schmerzen sind äußerst häufig. Professor Markus Schilgen konnte dies durch eindrucksvolle Zahlen untermauern: Rückenschmerzen sind weltweit die häufigste Ursache frühzeitiger Arbeitsunfähigkeit. Allein in Deutschland resultieren daraus 400.000 verlorene Erwerbsjahre. Rückenschmerzen sind Anlass zu 38 Millionen Arztbesuchen im Jahr, erkrankungsbedingt entstehen jährliche Kosten von 34 Milliarden Euro!

 

Rückenschmerzen betreffen alle Altersgruppen in etwa gleichem Maße, wobei Intensität und Dauer in Abhängigkeit von der Ursache sehr differieren. So stellte Prof. Schilgen gleich zu Anfang seines Referates bestimmte Wirbelsäulen-Erkrankungen heraus, welche in typischer Weise mit Rückenschmerzen verbunden sind (z.B. Spinalkanalstenose, Bandscheibenvorfall, Wirbelgleiten, Wirbelfraktur bei Osteoporose, M. Bechterew, Tumoren). Hier führt das Röntgenbild schnell zur richtigen Diagnose. Andererseits spielen in der Vielzahl der Fälle andere Ursachen eine Rolle, von der akuten muskulären Überlastung bis zu Blockierungen einzelner Bewegungssegmente, die nur mit einer sorgfältigen körperlichen Untersuchung erfasst werden können. Ursächliche Kombina­tionen mit neurologischen und/oder rheumatischen Erkrankungen sind für den Arzt eine diagnostische Herausforderung, aber besonders wichtig für die spezifische Bewertung des Einzelfalles mit einem chronischen Schmerzsyndrom. Dies gelingt nur durch komplexe ärztliche Untersuchung. Entsprechend sind an seinem Institut neben ihm als Orthopäde und Manual­therapeut ein Neurologe und Rheumatologe ärztlich tätig. Aus langjähriger Erfahrung gelte für sie: Eine sorgfältig durchgeführte körperliche Untersuchung ist unverzichtbar, nur sie erlaubt eine Bewertung der zusätzlichen Röntgen- und MRT-Befunde. Ebenso wichtig ist eine frühzeitige Diagnose, da bereits nach zwei Wochen das Risiko für einen chronischen Verlauf steigt.

Die Therapie des akuten Rückenschmerzes ist abhängig von den erhobenen Befunden: Dazu gibt es Leitlinien: z.B. muss eine instabile Wirbelfraktur operativ stabilisiert werden. Ein akuter Bandscheibenvorfall mit Lähmungen der Blasen-Mastdarmfunktion ist eine absolute Op-Indikation. Andererseits ist nicht jeder Bandscheibenvorfall zu operieren. Vielmehr erlaubt eine gezielte Schmerztherapie, den Patienten schnell zu mobilisieren. Die Langzeitergebnisse sind besser als bei längerer Ruhigstellung. Patienten mit einem chronischen Schmerzsyndrom erfordern eine komplexe Therapie. Sie ist langwierig, schwierig und braucht unbedingte Mitarbeit des Patienten. Ziel ist, mit einer individuell ausgerichteten medikamentösen, physikalisch-krankengymnastischen und psychologi­schen Behandlung langfristig den Einsatz von Morphinderivaten zu vermeiden. Operative Eingriffe zur Schmerzminderung sollten sehr sorgfältig überlegt, die Indikation besser durch ein ärztliches Team als allein durch den Operateur gestellt werden. Prof. Schilgen empfand die deutliche zahlenmäßige Zunahme von operativen Eingriffen an der Wirbelsäule bedenklich. Auf jeden Fall sollte man vor der Entscheidung eine Zweitmeinung einholen.

Die an den Vortrag anschließende Diskussion gab dem Referenten die Möglichkeit, seine Ausführungen zu vertiefen. Zum Einsatz der Telemedizin gab er nochmals zu bedenken, dass nur durch persönliche Untersuchung eine Diagnose gestellt und die notwendige Therapie besprochen und eingeleitet werden könne. Erst recht sei bei Patienten mit chronischem Rückenschmerz ein sehr intensiver persönlicher Arzt-Patient-Kontakt unverzicht­bar.Dieser letzte Vortragsabend im Jahr 2018 war spannend, informativ, lehrreich. Die Civilisten dankten dem Referenten mit herzlichem Beifall.

Hans-Günther Götze