Ein Engel reicht Chagall die Malpalette

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Besuch der Chagall Ausstellung am 27. November 2018

Als wenn es noch des Beweises bedurft hätte, dass Marc Chagall ein Publikumsliebling und –magnet ist: Rund 50 Mitglieder des Civilclubs drängten sich im Foyer des Picasso-Museums, um den „wachen Träumer“, so der paradoxe Titel, zu erleben. Gabriele Niehoff hatte buchstäblich alle Hände voll zu tun, um diese große Schar farblich zu strukturieren. Man hätte, so ein Kommentar, das Museum auch für den Civilclub schließen können.

 

Im Werk Chagalls fließen viele Einflüsse zusammen, vor allem aus seinem jüdischen Ursprung in Witebsk, aber auch aus Paris: „Wie ein Baum Wasser braucht, so braucht ein Künstler Paris“, hat er einmal gesagt. Und das Liebespaar auf einem großen Hahn vor dem Eifelturm besagt alles. Woher kommt das Motiv des Hahns, fragte unser sehr wissender Führer und ergänzte: „Man sollte diese Kunst nicht tot interpretieren.“ Und – lassen Sie sich von den Kunsthistorikern nicht einschüchtern.

Es gibt unendlich viel zu entdecken, immer wieder Mischwesen, Schlitten, Engel, einer bringt dem Künstler eine Malpalette, und der Engel berührt ihn. Chagall verstand den Künstler als Mittler zwischen der göttlichen und der menschlichen Ebene. Diese illusionistische Atmosphäre bezeichnete Apollinaire als übernatürlich. Und ausgerechnet der zweite Kunstgigant, Pablo Picasso, zollte Marc Chagall Anerkennung – der malt wie Matisse. Das kommt einem Ritterschlag gleich, meinte unser Guide. Aber Chagall ist kein Surrealist, und er bezeichnete sich auch selbst nicht als Träumer.

Dann der Skandal: Facebook hatte die Aufnahme einer Werbung für die Ausstellung abgelehnt, weil das mitgelieferte Foto mit dem üppigen weiblichen Hinterteil zu provo­zierend nackt war: Die Nackte fliegt über Witebsk. Die Verantwortlichen haben das später korrigiert und sich für diese Zensur entschuldigt, die für bundesweites Aufsehen sorgte – und das Museum hatte seine Werbung: „Es ist schon bemerkenswert, dass Chagall immer noch provozieren kann.“

Der Künstler, der sehr früh schon an seiner Biografie „Ma Vie“ arbeitete, in Bildern (unter anderem von seiner eigenen Geburt) und Text, war auch durchaus selbstbewusst: „Ich bin sicher, dass Rembrandt mich liebt“, steht an einer Wand geschrieben. Dank an die Eheleute Niehoff für diesen wunderbaren Nachmittag.                  E.O.