Brexit - die Knechtschaft der EU verlassen

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Vortrag mit Professor Kösters am 22. Januarr 2019

Das ist ein Drama von wahrhaft Shakespeare`schen Verwirrungen – Großbritannien und das Gezerre um den Brexit:

„Im Referendum ist nichts über die Folgen eines Austritts aus der EU gesagt worden“, führte Professor Wim Kösters vor dem Civilclub aus, im Gegenteil, der Wähler sei getäuscht worden. Auf jeden Fall würden die Folgen für die Briten erheblich schwerwiegender sein als für die verbleibenden 27 Staaten in der EU, auch wenn sie schwer genau einzuschätzen seien. Der Wirtschaftswissenschaftler der Universitäten Münster und Bochum hatte ein Thema von geradezu erdrückender Aktualität, obschon das vor einem Jahr kaum abzuschätzen war: „Sie sind hellsichtig“, bescheinigte er dem Präsidenten Johannes Krause-Isermann. Etwa 115 interessierte Civilisten erlebten (22. Januar) eine scharfsinnige Analyse der verfahrenen Situation, einziger Nachteil: Die britischen Abgeordneten waren nicht dabei.

Die europäische Einigung sei zunächst ohne Großbritannien verlaufen, erst 1993 sei das Land Teil des Binnenmarktes geworden, es sei aber keine „Liebesheirat“ gewesen. Die Briten seien immer Europa skeptisch geblieben. Und so sei denn auch während des Referendums argumentiert worden, man wolle die Knechtschaft durch die EU verlassen und die eigene Souveränität zurückgewinnen. Das Land sei in dieser Frage tief gespalten.
Welche Optionen könnten sich Großbritannien nach einem Brexit bieten? Es gibt verschiedene Modelle, ein Status wie die Türkei oder wie Norwegen, die Briten könnten dann aber nichts mitbestimmen. Auf jeden Fall würde der Finanzplatz London, der wichtigste der Welt, leiden. Das größte Problem werde durch Nordirland entstehen, weil bei einem Austritt hier wieder eine harte EU-Außengrenze etabliert werden müsste, mit kaum abzuschätzenden Folgen für die mühsam errungene irische Einigung. Professor Kösters sprach von einem „Trilemma“.

Natürlich werde ein Austritt die Finanzen der EU belasten, denn Großbritannien sei nach Deutschland der wichtigste Nettozahler der EU – „das gibt ein Riesenloch“. Allerdings würden die Belastungen für die EU noch verkraftbar sein, während die Entlastungen in Großbritannien zu vernachlässigen seien.

Der Referent stellte klar, dass die EU ihren Binnenmarkt nicht schädigen dürfe durch Konzessionen an Großbritannien, es gibt keine Rosinenpickerei. Auf jeden Fall unterschätzten die Briten die Probleme maßlos, durch die bevorstehende Europawahl im Mai entstehe allerdings Zeitdruck. Wim Kösters, der auch dem Vorstand des Essener Leibnitz-Instituts für Wirtschaftsforschung angehörte, schloss mit einem klaren Bekenntnis zum Freihandel: „Unser Wohlstand basiert darauf“, was sich natürlich auch gegen die Politik von Trump richtete. Etwaige Benachteiligungen würden durch die soziale Komponente der Marktwirtschaft aufgefangen. Der EU bescheinigte er, in der Brexit-Frage einig gewesen zu sein wie lange nicht, diese Brexit-Debatte könnte aber auch Ansporn sein zu fragen, ob denn in der Vergangenheit alles richtig gemacht worden sei.

An den inhaltlich sehr komprimierten Vortrag schloss sich eine engagierte Diskussion an, die der Präsident schließlich auf den Punkt brachte: „Dies ist das Gegenteil einer Win-Win-Situation, nämlich Loss-Loss.“ Reicher Beifall galt dem Referenten.                E. O.