Architektur und Design für moderne Menschen

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Vortrag von Prof. Korda am 28.Februar 2019

Es war ein Highlight für den Civilclub, als Prof. Martin Korda über das Bauhaus anlässlich dessen 100jährigen Jubiläums referierte.

Dem entsprach – trotz oder wegen der Weiberfastnacht, die zeitgleich Teile von Münster im Griff hatte – der überdurchschnittlich gute Veranstaltungsbesuch durch Civilisten und Gäste. Martin Korda war als Architekt, als Professor für Städtebau und als ehemaliger Rektor der Fachhochschule Münster hervorragender Sachkenner der Materie. Wort- und bilderreich führte er in die wechselvolle Geschichte des Bauhauses und seiner Bahn brechenden Ideen ein. Er zeigte, wie vor über 100 Jahren die richtungsweisende Funktion der Wohn- und Lebensweise des Adels zunehmend in Frage gestellt wurde, eine Entwicklung, die der Erste Weltkrieg beschleunigte. Aus vielen Richtungen erfolgte die Suche nach einer neuen Formensprache, die Walter Gropius 1919 mit der Gründung einer Schule in Weimar bündelte, in der Kunst und Handwerk neu zusammengeführt wurden. Vorbild für das „Bauhaus“ waren die Bauhütten des Mittelalters, in denen Künstler, Architekten und Handwerker beim Bau der großen Kathedralen zusammenfanden. Leitidee war, Kunst, Kunsthandwerk und Architektur zum Gesamtkunstwerk Bau zu verbinden, nicht nur für eine Elite, sondern im übergreifenden Sinne für den modernen Menschen zu wirken und nach praktikablen, d.h. für die industrielle Fertigung tauglichen Lösungen zu suchen.

Gropius verstand es, Künstler wie Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Johannes Itten und László Moholy-Nagy zusammen zu führen und zu halten. Es gelang bei allem Individualismus der Lehrer ein pädagogisches Programm zu entwickeln, das Studenten und zunehmend auch Studentinnen in Bann zog. Widerstände gegen das Bauhaus mit seiner klaren Sachlichkeit erhoben sich extern, zunächst seitens Weimarer Bürger, die noch in großherzoglicher Tradition verhaftet waren, dann vor allem durch die Nationalsozialisten. Das Bauhaus in Weimar wurde aufgegeben und 1925 in Dessau fortgeführt. Die dort entwickelten „Freischwinger“ sind als Sitzmöbel noch heute beliebt, so wie das Design vieler Gebrauchs­gegenstände. 1928 übergab Walter Gropius die Leitung an Hannes Meyer, der den Schwerpunkt Architektur verstärkte. 1930 übernahm der Architekt Mies van der Rohe den Posten des Direktors, allerdings nur für kurze Zeit. Denn 1932 erfolgte die Schließung des Bauhauses durch die NSDAP, allerdings mit der Folge, dass zur Emigration gezwungene Mitglieder zur Verbreitung der Bauhaus-Ideen in aller Welt beitrugen.

Die Wirkung des Bauhauses auf Architektur und Design des 20. Jahrhunderts ist kaum zu überschätzen. Zum Beispiel wurde in Tel Aviv die „Weiße Stadt“ im Bauhaus-Stil errichtet, in Berlin findet man mehrere Siedlungen. In New York entstanden markante Hochhäuser wie das Pan Am-Building, in Chicago zahlreiche Gebäude. Martin Korda ließ es sich nicht nehmen, seinen Vortrag mit einem Dessert zu krönen: Anhand zahlreicher Fotos wies er Einflüsse des Bauhauses im Stadtbild von Münster auf. Sie sind festzumachen an architektonischen Formmerkmalen wie der Verdeckung tragender Elemente, die den Gebäuden Leichtigkeit verleihen, über Eck gestaltete Fenster, horizontale Flächen, verbundene Fenster, gerundete Ecken u.a.m. Sie sind sichtbar etwa am Haus Wiedemann an der Münzstraße, in der Steinburg am Aasee, am Servatii-Hochhaus, bei Kiffe am Hafen (jetzt Jovel). Auch die Wohnsiedlung Grüner Grund passt ins Bild, wenn sie auch Vorbilder in der englischen Gartenhausbewegung hat. Wie auch die abschließende Diskussion des Vortrags zeigte, ist das Bauhaus kein einheitlicher Stil, sondern ein Bündel neuzeitlicher Strö­mungen, die Architektur und Design des 20. Jahrhunderts prägten und noch heute lebendig sind.                                             Max J. Kobbert