Volles Haus für Katia Mann

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Kulturcafé mit Frau Krause-Isermann am 09.April 2019

54 interessierte Teilnehmer und natürlich Teilnehmerinnen versammelten sich am 9. April 2019 im Civilclub, um mit der Referentin Renate Krause-Isermann in einem bebilderten Vortrag dem besonderen, fast 100-jährigen Lebensweg von Katia Mann zu folgen, der Ehefrau von Thomas Mann, einem der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Katia (Katharina) Mann, geboren 1883 in München als Tochter des Mathematikprofessors Alfred Pringsheim und seiner Ehefrau Hedwig geb. Dohm, stammte aus einer privilegierten, millionenschweren Familie des Bildungs- und Kulturbürgertums und wuchs in einem glanzvollen Palais auf. Die Familie war jüdisch, lebte aber ohne Bewusstsein ihrer religiösen Tradition. Katia und ihre fünf Brüder wurden protestantisch getauft. Das hochbegabte Mädchen musste sich die Zulassung zum externen Abitur und danach zum Studium der Naturwissenschaften per Sondergenehmigung erstreiten. Im Jahr 1905 heiratete Katia den Lübecker Senatorensohn Thomas Mann, der schon mit den „Buddenbrooks“ erfolgreich war.

Katia als Mutter der schnell nacheinander geborenen sechs Kinder hatte in den nachfolgenden Jahren vor allem die Aufgabe, den hoch sensiblen, sehr auf sich selbst bezogenen Ehemann und Vater abzuschirmen vom turbulenten Familienalltag. Nur so und in der Ruhe seines gewohnten, geordneten Arbeitszimmers konnte der Poet seinem literarischen Werk nachgehen und damit den aufwändigen Unterhalt der anspruchsvollen großen Familie sichern. Darüber hinaus war es in den folgenden Jahren Aufgabe der Ehefrau, die zahlreichen Domizile der Familie in München (Poschinger Straße), in Bad Tölz, in Nidden, in Südfrankreich und in den USA auszusuchen sowie die Umzüge und die Einrichtungen exakt nach den Wünschen des Ehemanns zu organisieren. Katia war eine resolute Familienmutter, die das Personal befehligte, Briefe in Thomas‘ Namen schrieb, die Interviewpartner auswählte sowie die Honorare festsetzte und eintrieb.

In ihrem Eheleben hatte Katia die homosexuellen Neigungen ihres Mannes zu ertragen. Letztlich begriff sie deren Sublimierung als Motor seiner Kreativität und seines erfolgreichen Schaffens. Ausgleich für Katia waren zahlreiche offizielle und private Reisen innerhalb Europas, bei denen sie ihren Ehemann begleitete. Währenddessen und während ihrer häufigen mehrmonatigen Kuraufenthalte in Davos, Arosa und an anderen Orten musste das streng eingewiesene Hauspersonal die Betreuung der sechs sehr schwierigen Kinder und des Haushalts übernehmen.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 musste die Familie emigrieren. Ihr Weg führte über Arosa nach Südfrankreich und dann für fünf Jahre nach Küsnacht in der Schweiz. Wegen der zunehmenden Bedrohung durch die deutschen Eroberungen in Europa zog die Familie schließlich in die USA, wo Thomas einen Lehrauftrag an der Universität in Princeton erhielt. Als der Schriftsteller durch einen Vertrag mit Warner Brothers zu einem sehr guten Einkommen kam, zog die Familie weiter nach Kalifornien in ein luxuriöses Haus. Nach Kriegsende entschied das Ehepaar, nicht nach Deutschland zurückzukehren, sondern zog in die Schweiz und baute sich dort eine Villa in Kilchberg am Zürichsee - alles wiederum allein organisiert von Katia.

Hier starb Thomas Mann im Jahr 1955. Katia lebte weiterhin in Kilchberg, empfing Besucher, gab Interviews und widmete sich vor allem dem internationalen Andenken ihres Mannes. Noch im hohen Alter unternahm sie weite Reisen und traf bedeutende Persönlichkeiten im In- und Ausland. Nebenbei erzog sie zwei ihrer Enkel in ihrem Haus. Drei ihrer sechs Kinder starben vor ihr, zwei durch Suizid, Tochter Erika - von der Mutter bis zum Tod begleitet - an einem Hirntumor. Im Jahr 1980 starb Katia Mann in Kilchberg im Alter von 97 Jahren.

Katia sah sich in all den Jahren in erster Linie als Frau des berühmten Schriftstellers („Frau Thomas Mann“). Sie selbst veröffentlichte nicht eine einzige Zeile; schriftlich äußerte sie sich ausschließlich in zahlreichen privaten Briefen. Sie sagte von sich, sie habe ihr gesamtes Leben im strikt Privaten verbracht, nichts anderes habe sich geziemt, sie habe sich gänzlich für ihre Familie aufgegeben und habe nie tun können, was sie selbst gewollt habe. Katia Mann war die Vermittlerin zwischen Thomas und der Umwelt, sie war seine Managerin, Inspiratorin, Ideengeberin, seine kritische Lektorin und auch seine Sekretärin.

Nach einer lebhaften Diskussion (auch über die Fragen, ob Katia als emanzipiert gelten könne und ob diese Ehe ein Glück für sie gewesen sei) war man sich einig, dass sie als eine literaturhistorische Figur zu gelten habe und einfach eine ganz besondere Frau gewesen sei.
Die Civilisten dankten der Referentin für ihren interessanten, anschaulichen Vortrag mit reichem Beifall.