Die Astronomische Uhr im Dom

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Vortrag von Wolfgang Hack am 11.April 2019

Eine Zeitspanne von 532 Jahren, nämlich die tatsächliche Zeitanzeige der astronomischen Uhr von 1540 – 2071 uns in 80 Minuten „Echtzeit“ nahe zu bringen, dafür dankte Präsident Johannes Krause-Isermann dem Referenten, Club- und Vorstandsmitglied Wolfgang Hack für seinen  anspruchsvollen Abendvortrag am 11. April. Als Diplom-Mathematiker hat sich der pensionierte Studiendirektor seit 20 Jahren mit diesem Thema intensiv befasst, hierzu Vorträge gehalten und Veröffentlichungen verfasst. Die Zeit war das Leitthema dieses Abends, wie unser Präsident bei seiner Begrüßung der 95 Gäste feststellte – passend zum 80. Geburtstag unseres Altpräsidenten Erhard Obermeyer an genau diesem Tag und seiner Ernennung zum Ehrenmitglied des Civilclubs für seine Verdienste um den Club und das Clubleben. Seine den CC-Mitgliedern nur zu gut bekannten Initialen „E.O.“ waren stets das Markenzeichen für eine brillante Schreibweise des Journalisten Erhard Obermeyer M.A.
Das noch während des Essens projizierte bekannte Zitat des amerikanisch-österreichischen Chemikers und Schriftstellers Erwin Chargaff (1905 - 2002) „Gott hat die Zeit geschaffen, der Teufel den Kalender“ lenkte das Tischgespräch schon zum Vortragsthema des Abends, das eine interessante Zeitreise mit sehr viel Hinter­grundinformation und Technikgeschichte werden sollte.

20.10 Uhr: Wolfgang Hack begann seinen Vortrag mit astronomischen Darstellungen und hieraus abgeleiteten mathematischen Hinweisen zur Zeitmessung und kommt auf diese Weise auf die Astronomische Uhr. Ihren Ursprung haben die Astronomischen Uhren meist vom 13. bis in das 15. Jahrhundert. Sie ermöglichten erstmals eine vorher unbekannte einheitliche Zeitrechnung für Alle. Als Standorte für diese „Statussymbole“ wurden stets repräsentative Sakral- und Profanbauten ausgewählt. Dabei gilt die Domuhr in Münster vor allem wegen ihrer mit 532 Jahren längsten Datumsvoraussage als eine der bedeutendsten. Sie ist die zweite Uhr an dieser Stelle, eine Vorgängeruhr aus dem Jahr 1405 von einem Zisterziensermönch aus dem Kloster Hude (Delmenhorst) fiel dem Bildersturm der Täufer zum Opfer.

Nach seiner Einleitung nahm uns Wolfgang Hack mit zu einem virtuellen Gang zur Domuhr im südlichen Chorumgang. Mit 7,8 Metern Höhe und 4,1 Metern an ihrer breitesten Stelle, beeindruckt sie mit dieser großen kunstvollen Front- oder „Schauseite“ den vor der Uhr staunend stehenden Besucher der Stadt. Wir erfuhren, dass der Buchdrucker und Mathematiker Dietrich Tzwyvel zusammen mit dem Franziskanermönch Johann von Aachen, Domprediger in Münster, die notwendigen Berechnungen für die Konstruktion der neuen Uhr durchführten. Der Schmied Nikolaus Windemaker setzte die Berechnungen in Eisen um, als er die Uhr in Handarbeit anfertigte. Und der Maler Ludger tom Ring d.Ä. mit seinem Sohn Hermann machte aus diesem eisern technischen ein belebtes künstlerisches Werk.

Schon bei einem ersten Blick auf die Uhr fällt ihre Dreiteilung in den Dreikönigsumgang (oben), das Zifferblatt (mittig) und das Kalendarium (unten) auf, was typisch ist für Großuhren aus der Renaissancezeit: Der obere Teil, das als Schau-Teil in Renaissance-Manier gehaltene Giebelstockwerk, zeigt in der Mitte eine Darstellung von Maria mit dem Kind, vor denen mittags der Dreikönigsumgang stattfindet: Im Halbkreis ziehen täglich um 12 Uhr die Hl. Drei Könige mit einer Verbeugung an der Gottesmutter vorbei. Symmetrisch komplettiert wird die Szenerie durch weitere „aktive“ Figuren, nämlich links durch den „Tutemann“ mit seiner Frau als Stundenanzeige und rechts durch Chronos, die altgriechische Gottheit mit der Sanduhr und dem Tod mit dem Pestpfeil als Viertelstundenanzeige. Das Zifferblatt markiert den mittleren Teil der Uhr. Im Hintergrund ist die Weltkarte zu sehen, wahrscheinlich 17. Jahrhundert; vier Schilder geben die Himmelsrichtungen an. Die römischen Zahlen in gotischer Schrift im Außenkreis stehen für die 24 Stunden in Form von 2 x 12 Stunden jeweils für Vormittag und Nachmittag. Der Zeiger mit dem Sonnensymbol gibt die Uhrzeit an, wobei er sich im umgekehrten Uhrzeigersinn, also links herum bewegt dem Lauf der Sonne folgend. Die Tafeln rechts und links vom Zifferblatt sind die „Stundenregenten“, wobei die untere auf der rechten Seite zusätzlich den Planeten anzeigt, der den Tag regiert und dem Wochentag seinen Namen gibt. Der Zeiger mit der Kugel gibt die Mondphasen an. Diese Kugel – wir sahen es im Foto – bewegt sich in 29 ½ Tagen einmal um die Längsachse, wobei ihre unterschiedliche Färbung – jeweils zur Hälfte schwarz und silbern – den Mondphasen entsprechen. Fünf weitere Zeiger geben den Lauf der damals bekannten Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn an. Symbole der Tierkreiszeichen gehören zu dem reich geschmückten Rad auf dem Zifferblatt, auch Rete genannt, wobei das gültige Tierkreiszeichen jeweils unter dem Sonnenzeiger steht und ihm folgt. Die gesamte  Darstellung entspricht dem geozentrischen Weltbild des Ptolemäus mit der Erde im Zentrum. Das heliozentrische Weltbild nach Kopernikus mit der Sonne als Zentralgestirn folgte erst einige Jahre später nach Fertigstellung der Uhr.

Großes Interesse galt stets dem Kalendarium im unteren Teil, das nach dem damals noch gültigen Julianischen Kalender berechnet wurde und bei dem deswegen die Schaltjahre fehlen. Im Foto zeigte uns Wolfgang Hack den Apostel Paulus in der Mitte der Kalenderscheibe stehend, Schutzpatron und Namensgeber des Domes. Der von ihm gehaltene lange Zeiger ist aus technischen Gründen als einziger nicht mit dem Uhrwerk verbunden, sondern wird vom Küster von Hand gestellt. Als Jahreszeiger weist er auf den äußeren Teil des Kreises, der in 532 Abschnitte aufgeteilt ist, wobei ein Abschnitt einem Jahr entspricht.

Die Ritterfigur auf der linken Seite zeigt mit dem Schwert auf den Innenkreis, der für ein Jahr gilt und weist jeweils auf das Tagesdatum und auf das jeweilige Monatsbild hin. Es stellt sich noch die Frage, was nach 532 Jahren im Jahr 2071 geschieht. Ausschlaggebend ist das Osterdatum, das auf dem 1. Konzil von Nicäa im Jahre 325 verbindlich für alle Christen auf den 1. Sonntag nach dem Frühlingsvollmond festgelegt wurde. Dem Mondzyklus zufolge fällt der 1. Frühlingsvollmond alle 19 Jahre auf dasselbe Datum und nach dem Sonnenzyklus wiederholen sich Wochentag und Datum alle 28 Jahre. Das kleinste gemeinsame Vielfache von 28 x 19 ergibt 532! Man braucht also bei diesem Ewigen Kalender nur die Jahreszahlen auf 2072 bis 2603 für die nächsten 532 Jahre zu ändern. Wir können beruhigt sein - die Uhr läuft in Ruhe weiter und wir warten ab „was die Stunde schlägt“.                                Jürgen Klein