Auf den Spuren deutscher Geschichte

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Tagebuch von Erhard Obermeyer: Studienreise des CC von 7. bis 14. Juli 2018 nach Masuren und Danzig

Die münstersche Firma Theos Reisen war ein kundiger Partner für 25 Civilisten auf der Reise nach Nordpolen, zumal Theo Jungnitsch eng mit einem polnischen Partnerbüro in Warschau zusammenarbeitet. Einige unserer Reiseteilnehmer konnten sich sogar noch an eine Fahrt mit Theo nach Masuren erinnern, damals auch mit Fahrrädern. Hinzu kam, dass CC-Reiseleiter Erhard Obermeyer bereits mehrfach Masuren und Danzig besucht hatte, so dass er seine Kenntnisse ergänzend einbringen konnte. Möglich geworden war diese Reise durch die Tatsache, dass seit ein paar Jahren eine direkte Flugverbindung von Dortmund nach Danzig besteht, womit die endlose Busfahrt entfällt. Die gar nicht so billige Billig-Airline war die ungarische WIZZ-Air (nicht mit tz), die leider den Airbus gerammelt voller Sitze gepackt hatte, so dass für die Beine kaum noch Platz blieb. Für die Anmeldung mussten die persönlichen Daten vom Personalausweis gemeldet werden: Da staunte so mancher über seine vielen (unbekannten) Vornamen, dafür wurde aus ü einfach u und aus ö ein o. Bei der Sicherheitskontrolle in Dortmund machte der Chronist noch eine neue Erfahrung: Der Beamte suchte ihn nach Spuren von Sprengstoff ab, mittels eines kleinen Blättchens, das über die Hände gezogen und dann in einen Apparat gesteckt wurde.

In Danzig wurden wir auf dem großzügig modernen Flughafen namens „Lech Walesa“ von unserer polnischen Reiseleiterin abgeholt: Iwona Jaworska-Brach ist Chefin eines Reisebüros in Warschau und begleitete uns persönlich durch die Woche in Nordpolen, in perfektem Deutsch und nahezu allwissend, sehr sympathisch. Die Führungen verliefen mit Mikro und kleinen Kopfhörern nach anfänglichen technischen Übermittlungsproblemen schließlich reibungslos.
Ein Orgelkonzert zur Begrüßung
Die erste Fahrt führte nach Oliva mit der berühmten Zisterzienser Kirche und der riesigen Orgel mit 7000 Pfeifen, die uns ein kleines Konzert boten. Natürlich erklang das beliebte Ave Maria, aber auch der türkische Marsch von Mozart. Das Besondere an dieser Orgel: Die Engelsfiguren am Prospekt musizieren mit. Oliva provozierte bei einigen eine Erinnerung an den Frieden von Oliva, der 1660 den Krieg zwischen Schweden und Polen beendete.
Die Weiterfahrt ging nach Zoppot, dem mondänen Seebad an der Ostsee – welch ein Betrieb! Die sehenswerte kleine Stadt erstickt im Autoverkehr, und was für Autos! Nur die teuersten und größten! Durch die Fußgängerzone schob sich ein dichter Menschenstrom, und auch auf der reichlich windigen Seebrücke, der längsten Europas, herrschte Gewimmel. Die Polen haben die Architektur der Zeit um 1900 mit dem pompösen Grandhotel perfekt wieder hergerichtet, recht ansprechend. Als Kurbad wurde Zoppot Anfang des 19. Jahrhunderts von einem französischen Arzt aus der Russland-Armee Napoleons entdeckt.

Es war ja seit langem die erste CC-Reise in ein Nicht-Euro-Land: Die polnische Währung Złoty (gesprochen Zwoty und bedeutet Gold) konnten wir grob 1 zu 4 umrechnen, beim Tausch gab es allerdings beträchtliche Unterschiede. Auf dem Flughafen hatten wir erste Euros getauscht, zu einem Kurs von 3,6 (?), Iwona zeigte uns dann in Zoppot ein Kantor mit einem besseren Kurs – 4, etwas. Man konnte natürlich auch Geld am Automaten ziehen – Kurs 3,882. Die Unterschiede erklären sich daraus, dass die Wechselstuben (Kantors) privat betrieben werden.

In Danzig, auch Königin der Ostsee genannt, besuchten wir Günter Grass, genauer gesagt sein Denkmal im Stadtteil Langfuhr, der Dichter mit Pfeife sitzt auf einer Bank, das kleine Oskarchen aus der Blechtrommel neben ihm, eine hübsche Reminiszenz an den Ehrenbürger seiner Heimatstadt. Das führte zu der Erklärung, dass es heute noch 200.000 Kaschuben mit eigener Sprache gibt, Grass hat ebenfalls kaschubische Wurzeln.
Der Lange Markt der Rechtsstadt in Danzig
Ein erster Bummel über den Langen Markt der Rechtsstadt – die schiere Wucht prachtvoller Bürgerhäuser, von den Polen nach den Kriegszerstörungen akribisch rekonstruiert, dass man glaubt, das Original vor sich zu haben. Man erhält eine Ahnung davon, welchen Rang diese mächtige deutsche Hansestadt einst hatte. Und eine Anekdote dazu: Im Artushof saß die Tafelrunde und warf beim Trinken Gold in den Neptunbrunnen davor – das berühmte Danziger Goldwasser war erfunden. Ich habe mal gelesen: Die Polen wollten im Gegensatz zur NS-Propaganda der Welt zeigen, dass sie ein Kulturvolk seien und haben deshalb Warschau, Danzig und Breslau historisch getreu rekonstruiert. Manche der fähigen Bauarbeiter sollen unentgeltlich mitgewirkt haben.
Unser Hotel hieß „Number One“ und lag auf der historischen Speicherinsel, die Haus um Haus wieder aufgebaut wird. Zum Langen Markt war es vielleicht zehn Minuten Fußweg. Das Hotel war hervorragend, bescheiden mit nur drei Sternen klassifiziert: „Das hat mehr verdient“, kommentierte Rosemarie Schulze.
Ein Abendessen im Danziger „Bowke“ direkt am Krantor – das Restaurant hieß tatsächlich so, es gab einen hervorragenden Dorsch. Der bei uns abfällige Begriff Bowke soll Junge bedeuten. Szenen mit diesem Bowke sind an der Stirnwand dargestellt und darunter die Erläuterungen nicht nur in deutscher Sprache, sondern auch in deutscher Schrift!
Kurios – mit dem Schiff über Land
Der Nachmittag brachte uns zu einer touristischen Kuriosität sondergleichen – auf dem Oberlandkanal aus dem 19. Jahrhundert überwinden die Schiffe den Höhenunterschied nicht per Schleuse, sondern sie werden über Land gezogen. Aber erstmal mussten wir die Anlegestelle in Hirschfeld erreichen und dazu gefühlte 50 Kilometer Stau auf der Endlosbaustelle der Magistrale nach Warschau durchstehen. Da wurde um jeden Zentimeter vorwärts hart gekämpft. Sagte unsere Reiseleiterin: „Im Kommunismus hatten wir keinen Stau“ – aber eben auch keine Autos.
Der Oberlandkanal zieht sich schmal zwischen hohen Bäumen hin, bis der „Fahrstuhl“ kommt: Das Schiff fährt auf ein Gestell, das per Drahtseil über die kleine Anhöhe gezogen wird, bis es auf der anderen Seite wieder runter geht. Die Ansagerin gefiel sich darin, das „R“ in rrrauf und rrrunter zu rollen. Die ganze Konstruktion wird ausschließlich mit Wasserkraft betrieben. Unwillkürlich wurden wir an den Film „Fitzcarraldo“ erinnert, in dem Klaus Kinski mitten im Urwald ein großes Schiff über einen Berg ziehen lässt. Nach so viel Anstrengung hatten wir uns eine Stärkung verdient: Es gab heiße Krakauer, viel zu groß für mich und der Hund am Ufer wollte nicht kommen. Danach hatte ich mir einen Wodka verdient, was alle anderen prompt nachmachten.
1939 - Der feige Überfall auf Polen
Am nächsten Tag wieder eine Schifffahrt, im Danziger Hafen auf der Mottlau mit dem Piratenschiff „Schwarze Perle“ am berühmten Krantor vorbei zur Westerplatte und damit zu einem dramatischen Einschnitt in der deutsch-polnischen Geschichte: Am 1. September 1939 beschoss das Linienschiff „Schleswig-Holstein“ das polnische Munitionsdepot Westerplatte und eröffnete damit den Zweiten Weltkrieg. Das hysterische Geschrei von Adolf Hitler im Rundfunk ist oft zitiert worden: „Ab 5.45 Uhr wird zurück geschossen!“ Darin waren gleich zwei Lügen enthalten: Erstens fiel der erste Schuss um 4.45 Uhr und zweitens nicht zurück. Die wenigen polnischen Verteidiger kämpften hartnäckig, an ihre Toten erinnert ein Mahnmal. Zurück ließen wir uns übrigens mit Elektrowagen zum Schiffsanleger kutschieren.
Imponierend in Danzig die Marienkirche, Backsteingotik vom Feinsten, die dann aber im Innern mit einer totalen Überraschung aufwartet: Wände und Pfeiler sind eingeschlämmt und weiß gestrichen – warum? In dieser Kirche gibt es ebenfalls eine Astronomische Uhr, einige Jahrzehnte jünger als die im münsterschen Dom: Uhrenspezialist Dr. Bernd Mosel gab bereitwillig Erläuterungen. Zur Marienkirche geht die schmale Mariengasse mit ihren historischen Beischlägen, was dazu führte, dass vor ein paar Jahren der Film über die Buddenbrooks nicht in Lübeck, sondern weitgehend hier gedreht wurde. Am Langen Markt besichtigten wir ein Bernstein-Museum, mit einer Vorführung, wie Bernstein geschliffen wird. Dieses Haus demonstrierte auch eindrucksvoll, wie die Gebäude konstruiert sind – es besteht, wie man im Innern sehen konnte, aus sieben schmalen Hausscheiben.

Aktuelle Geschichte – Solidarnosc und Lech Walesa
Am Nachmittag marschierten wir zur Altstadt, nicht zu verwechseln mit dem Langen Markt. Und beim Anblick des Hotelhochhauses Mercure wusste ich: „Hier bist du schon gewesen, zum Hansetag 1995“, nur dass damals das Hotel Hevelius (Astronom und Mondkartograph) hieß und ich den Bezirk nicht als Altstadt wahrgenommen habe. Auf dem Rückweg kamen wir an der Lenin-Werft vorbei, Ausgangspunkt der Solidarnosc mit Lech Walesa, die schließlich die politische Wende einleitete. Zuvor hatte Parteichef Wladislaw Gomulka mit Willy Brandt den Warschauer Vertrag unterzeichnet. Unsere Iwona: „Gomulka war ein Radieschen, außen rot und innen weiß.“ Vor der Werft sind zwei Mauerstücke aufgestellt, eines einst Teil der Berliner Mauer, über das andere soll Lech Walesa bei einer Flucht gesprungen sein. Hier ist 2014 ein hochmodernes Zentrum der Solidarität eröffnet worden. Nicht weit davon die alte Post, die Anfang September 1939 heftig umkämpft wurde, mit einem gigantischen Denkmal: „Wir Polen lieben Denkmäler“, sagte Iwona. Dann das Museum des Zweiten Weltkriegs, ein abenteuerliches Gebäude, das schon rein äußerlich für Unbehagen sorgt. Zeit, es zu besichtigen, hatten wir leider nicht.
Die größte Backsteinburg der Welt
Die Marienburg an der Nogat allein schon wäre einen Besuch in Nordpolen wert: Ein gigantisches Gebirge aus Backstein, die größte Backsteinburg der Welt, ursprünglich 21 Hektar groß, heute immerhin noch 16 Hektar. Sie wurde im letzten Krieg etwa zur Hälfte zerstört, seit 1961 Mauer für Mauer wieder aufgebaut, bis jetzt auch die Marienkirche wieder zu besichtigen ist, ein hochgotisches Kleinod. Ab 1300 war sie Sitz des legendären Deutschen Ritterordens, sie wurde auch nach der verlorenen Schlacht von Tannenberg (1410) nicht erobert. Inzwischen ist nach außen auch wieder die acht Meter hohe Marienfigur zu bewundern, die aus Mosaiksteinen aus Venedig zusammengesetzt ist. Sie fiel dem russischen Zerstörungswahn zum Opfer. Irgendein findiger Kopf hat das mal ausgerechnet: Die Burg zählt 30 Millionen Backsteine. In dem labyrinthartigen Innern, in einem der Wohngemächer, gab es zwei Plumpsklos, „Danske“ genannt, nicht gerade freundlich gegenüber den Einwohnern von Danzig. Eine erste Restaurierung der Burg nahm im 19. Jahrhundert der Berliner Architekt Karl Friedrich Schinkel vor, im damals üblichen romantischen Stile, was auch Fehler verursachte. Der Ritterorden wurde im Heiligen Land gegründet und sollte ab dem 13. Jahrhundert im Nordosten Europas missionieren, was auch als schwarzes Kapitel gilt. Andererseits brachte er auch einen Modernisierungsschub, wovon wir uns selbst überzeugen konnten: Einer der großen Säle der Marienburg hatte eine Warmluft-Fußbodenheizung.
Übrigens hat es ja eine zweite Schlacht von Tannenberg gegeben, 1914, in der Hindenburg und Ludendorff zwei russische Armeen schlugen. Die hat aber nur in der Nähe von Tannenberg stattgefunden, in Grunwald, aus Propagandagründen wurde der Name Tannenberg gewählt.

Übrigens verläuft in der Nähe die polnische Straße 22 – die einstige Reichsstraße 1, die von Aachen nach Königsberg führt, die Straße 22 hält sich weitgehend an den historischen Verlauf.

In Allenstein, der Hauptstadt des Ermlandes, gab es nur einen Kurzbesuch mit Jakobus-Kathedrale und Schloss und einer kleinen Erfrischung in der Innenstadt. Zum Ermland hat Münster eine besondere Beziehung, schließlich gibt es hier das Ermlandhaus mit Katharinenschwestern, die ihren Hauptsitz in Braunsberg haben. Die Stadt Münster unterhält eine Patenschaft für den Kreis Braunsberg. Übrigens – aus Allenstein stammt unser Mitglied Dr. Alfons Wohlgemuth.
Den zweiten Hotelstandort unserer Reise hatten wir in Sensburg am Schoßsee in einer riesigen Ferienanlage, in der man sich schon verlaufen konnte. Abends auf der Hotelterrasse hatte Iwona Volksmusik bestellt.
Im Salon Marion Dönhoff
Masuren ist nicht nur bekannt für seine endlosen Wälder, sondern vor allem auch für seine Seen, die einen Naturpark bilden und miteinander durch Kanäle verbunden sind. Mitten drin der Salon Marion Dönhoff: Man reibt sich verwundert die Augen, hier abseits aller Zivilisation in Galkowo einen Ort der Erinnerung und Dokumentation zu finden, einen Ort, der der früheren ostpreußischen Heimat gewidmet ist. Dönhoffs Motto: „Lieben ohne zu besitzen.“ Ihr Geburtsort gehört seit 1945 zum russischen Teil Ostpreußens. Im Salon Dönhoff wurden wir von der Journalistin Renate Marsch-Potocka begrüßt und informiert, die die 2002 gestorbene Gräfin noch persönlich erlebt hatte. Die rüstige Dame war lange Jahre Korrespondentin für dpa in Warschau gewesen. Die Gräfin habe viel für die Versöhnung der Menschen und für Masuren getan, aber als der Vertrag zwischen Warschau und Bonn von Willy Brandt unterzeichnet wurde, war sie im Gegensatz zu Grass und Lenz nicht dabei: „Ich kann nicht auf den Verlust meiner Heimat mit Champagner anstoßen.“ In Nikolaiken hat sie mit einer Stiftung eine Schule begründet und besuchte jährlich die Abiturfeiern. Gräfin Dönhoff unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu Graf Lehndorf von Steinort, der nach dem Attentat auf Hitler hingerichtet wurde. Im Internet ist der Abschiedsbrief dokumentiert, den Graf Lehndorf unmittelbar vor seiner Hinrichtung an seine Frau schrieb – ein ergreifendes Dokument. (Wer sich dafür interessiert, es ist unter www.soundwords.de/a149.html“ zu finden, darauf aufmerksam gemacht hatte Eckard Andersson.) Erschütternd auch der Bericht der Gräfin über ihre Flucht, teils im Originalton. Zugleich das Ende einer 700jährigen Geschichte Ostpreußens. Ich denke, dass uns dieser Besuch im Salon Marion Dönhoff viel gegeben hat.
Kahnfahrt auf der Kruttinna
Danach ging`s in die Idylle pur: Eine Fahrt in drei gestakten Booten auf der flachen Krutinna, in einer geradezu aufregenden Einsamkeit, wären da nicht die Touristenboote gewesen. Im klaren Wasser tummelten sich kleine Fische, am Boden lagen Muscheln, und begleitet wurden wir von neugierigen Schwanenfamilien. Trotz des warmen Wetters wurden wir von Mücken verschont: „Die schnappen sich die vielen Libellen“, erklärte unser „Staker“. In dem kleinen Örtchen Kruttinnen konnten wir eine Storchen-Aufzuchtstation (Krankenhaus) besichtigen – „für kleine Störche, die von den Eltern aus dem Nest geworfen werden“.
Gruselige Kulisse der „Wolfsschanze“
Absoluter Kontrast das Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ in Rastenburg – im Regen: „Adolf Hitler im Sonnenschein, das geht überhaupt nicht“, kommentierte der Chronist. Unser Führer hieß Jan und sprach hervorragend Deutsch, wobei man gerade an diesem Ort mit dem Ausdruck „Führer“ vorsichtig sein muss. Dieses Hauptquartier, bezogen 1941 zum Russlandfeldzug, besteht aus einer Ansammlung riesiger Betonbunker, die im Januar 1945 gesprengt wurden, als die Russen vor der Tür standen. Aber die gewaltigen Überreste, teils überwuchert, lassen immer noch die einst gigantische Größe dieser Anlage im dichten Wald erkennen, der durch künstliche Bäume, die den Jahreszeiten angepasst wurden, noch dichter gemacht wurde. Hier fand am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler statt, das er mit kleineren Verletzungen überlebte – die „Vorsehung“ hatte ihn wieder mal gerettet. Der Attentäter Graf von Stauffenberg wurde anschließend mit vielen anderen hingerichtet. Man erhält hier einen Eindruck von der erdrückenden Bunkermentalität, in der sich die NS-Machthaber von der Realität abgeschottet hatten. Dieses Führerhauptquartier wird jährlich von rund 300.000 Personen besucht, mit Rechtsradikalen hätten sie keine Probleme, sagte unser Führer Jan.
Von hier zur musikalischen Andacht in die Kirche von Heiligelinde, eine üppig ausgestattete Wallfahrtskirche mit einer überbordenden Orgel, deren Spiel gleichsam auch ein akustisches Schauspiel war.
An einigen Straßen und Dörfern waren Störche häufige Wegbegleiter, die auch im Landregen auf ihren hohen Horsten ausharrten, wo hätten sie auch Schutz suchen sollen.

Nur ein paar polnische Kilometerchen
Charakteristisch für Masuren sind die langen Alleen, oft so schmal, dass bei Begegnungen ein Auto anhalten muss. Das Können des Busfahrers musste man bewundern. Zu bewundern war auch, dass er vor Bahnübergängen mit Stoppschild hielt, obgleich die überwucherten Gleise eigentlich signalisierten, dass hier schon lange kein Zug mehr gefahren war. Aber das waren ja auch nur „polnische Kilometerchen“, allerdings im strömenden Regen, so dass der Bus unter Wasser zu fahren schien. Die lang gezogene Schlossanlage Steinort am Mauersee, Sitz des Grafen Lehndorf, konnten wir leider nur vom Bus aus sehen. Aber ab Lötzen für unsere Fahrt auf den Seen hatten wir wieder Sonnenschein, so dass wir die malerische Landschaft vom Oberdeck aus genießen konnten. Wenn niedrige Brücken zu passieren waren, musste man gleichsam den Kopf einziehen, Steuerhaus und Vordach wurden heruntergefahren. Die Fahrt führte uns bis zum See von Nikolaiken, wo nach einer alten Sage der König der Stinte, an einer Brücke vertäut, zu sehen ist.

Unsere Reiseleiterin sorgte immer auch für Toilettenpausen, für „Schuschu“, wie sie sagte. Wie schreibt man das denn, deutsch oder französisch? Nein Polnisch „Siusiu“.

Sie ließ auch immer wieder unterhaltsame Geschichten über Masuren einfließen, die ja auch einige Schriftsteller inspiriert haben wie Siegfried Lenz oder Ernst Wiechers oder Arno Surminski. Wie überhaupt bedeutende Persönlichkeiten aus Danzig oder Masuren stammen: Der Physiker Daniel Gabriel Fahrenheit aus Danzig, dem auf dem Langen Markt eine Vitrine mit Thermometer (von 1714) gewidmet ist; Philosoph Artur Schopenhauer in der Mariengasse, Patrizier Schliemann, Architekt Erich Mendelsohn in Allenstein und natürlich Kopernikus, den wir in Frauenburg besucht haben. Und schließlich Klaus Kinski, der aus Zoppot stammt.
Einkommen ist deutlich geringer
Eine längere Busfahrt nutzte unsere Reiseleiterin für einige Informationen zum Sozialstatus der Polen. Natürlich ist in den letzten Jahren der Lebensstandard gestiegen, das war für uns offensichtlich, und die vielen teuren Autos sprechen Bände. Aber der durchschnittliche Verdienst liegt immer noch bei 4000 Złoty gleich 1000 Euro, der Mindestlohn umfasst 1800 Złoty, also 450 Euro. Dementsprechend fallen die Renten niedrig aus. Die meisten Polen, so Iwona, seien darauf angewiesen, mehrere Jobs zu haben. Es gibt inzwischen ein Gefälle nach Osten, Litauer und Ukrainer kommen zum Arbeiten nach Polen.
Auf der Fahrt nach Frauenburg am Frischen Haff kamen wir durch Braunsberg – „jetzt sind wir schon mit einem Fuß bei Putin“. In der Tat waren es nur noch 68 Kilometer bis Kaliningrad. Zuvor noch ein Abstecher nach Heilsberg, einer üppigen Schlossanlage der Fürstbischöfe von Ermland, die offensichtlich mehr Fürsten als Bischöfe waren. In das Schloss ist ein supermodernes Hotel eingebaut, sehr eindrucksvoll.
Kopernikus und das heliozentrische Weltbild
In Frauenburg sieht man jenseits des Haffs die Nehrung, auf die sich im Winter 1944/45 viele Menschen geflüchtet haben vor der anrollenden Roten Armee – und viele fanden den Tod, woran ein Gedenkstein erinnert. Die stattliche Kirche, die Kathedrale, wirkt mit 19 Altären völlig überladen, einer davon wird Nikolaus Kopernikus zugeordnet, der zwar Kanoniker war, aber kein Priester. Sein Grab galt lange als unbekannt, Gebeine, die in einer großen Gruft lagerten, sind 2010 mit Hilfe der DNA identifiziert worden, und zwar hat man aus einem seiner Bücher ein Haar herausgefischt und die DNA verglichen. Inzwischen sind seine Gebeine ein zweites Mal in der Nähe seines Altars beigesetzt worden. Kopernikus hat ja bekanntlich dafür gesorgt, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, hat das heliozentrische Weltbild begründet, was die katholische Kirche bis 1835 leugnete. Auf dem Gelände der Kathedrale ein hoher Turm, der einst auch der Verteidigung diente, heute der Aussicht, wenn es denn nicht so stark geregnet hätte. Was diesen Turm interessant macht, ist das Foucaultsche Pendel im Innern, naturgemäß ganz anders als die künstlerische Installation in der Dominikanerkirche. Um die Kugel in Schwingung zu versetzen, ist hier Handarbeit vonnöten. Ein junger Mann zieht die Kugel an den äußeren Kreis heran, fixiert sie mit einem dünnen Faden, den er anschließend mit der Flamme eines Streichholzes durchtrennt – und die Kugel pendelt. Aufschlussreich die Markierungen in der äußeren Begrenzung, 15 Minuten, 30 und 45 - wer lange genug bleibt, kann miterleben, dass sich die Erde gedreht hat. Dieses Pendel stammt natürlich nicht von Kopernikus.

Ein hoher Preis für den letzten Krieg
Es war eine sehr intensive Reise mit viel Geschichte und neuerer Politik, die den Teilnehmern einiges abverlangte, geistig und körperlich, aber schließlich war es ja auch keine Vergnügungsreise. Auch wenn der Spaß in dieser vergnüglichen Runde nicht zu kurz kam.
Der letzte Abend sah uns wieder in Danzig, die Reiseleiterin hatte in das polnische Spezialitäten-Restaurant Kresowa in der Nähe des Langen Marktes eingeladen, was Erhard Obermeyer nutzte, Iwona unseren Dank für die Reise abzustatten, der noch mit einer Sammlung finanziell aufgewertet wurde.

Angesichts dieses Reichtums an Kultur und Natur in Masuren und Danzig muss man vergegenwärtigen, dass dieser Reichtum bis 1945 deutsches Erbe war – Deutschland hat für den verbrecherischen letzten Krieg einen fürchterlich hohen Preis zahlen müssen. Da kann nur das Motto der Gräfin Dönhoff helfen: Lieben ohne zu besitzen. Masuren und Danzig waren mehr als eine Reise wert.
Der Oberreiseleiter, wie Iwona mich gern betitelte, zieht jedenfalls ein positives Fazit dieser Civilclub-Reise, die hier in ihren vielfältigen Facetten nur angerissen werden konnte.