Von "villa vocata reni" zum modernen Rheine

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Besuch einer Grafik-Ausstellung in Rheine am 30.April 2019

Es müssen nicht immer die großen Museen der Republik sein, wenn sich der Civilclub aufmacht, Kunst zu entdecken und zu genießen. Auch die „Provinz“ hat mitunter ungeahnte Schätze zu bieten. So waren die Civilisten bereits mehrfach im münsterländischen Rheine mit seiner vielfältigen Museenlandschaft zu Gast.

Nach einem Besuch im Kloster Bentlage („500 Jahre Kreuzherren“) und im Falkenhof-Museum („Das Erbe der Morrien“) lockte dieses Mal eine Rarität besonderer Art: Der Falkenhof öffnete sein bedeutendes Grafikkabinett und präsentiert unter dem Titel „Klassisch!“ 40 Grafiken und Druckwerke des 20. Jahrhunderts. Nicht irgendwelche, nein, die bedeutendsten Künstler dieser Epoche sind vertreten: Pablo Picasso, Max Beckmann, Otto Dix, Max Ernst, August Macke, Wassily Kandinski, Max Liebermann, Carlo Mense, Karl Schmidt-Rottluff oder Max Pechstein gehören dazu, um nur einige zu nennen.

Das Ausstellungsplakat ziert eine eher kaum bekannte Grafik, ein „Schubladenfund“, wie Kuratorin Christiane Kerrut erläuterte. Die Farbserigraphie „Mädchen mit schwarzem Haar“ (1930) von Walter Drexel ist kein Portrait im üblichen Sinne, sondern setzt sich ausschließlich aus geometrischen Elementen zusammen. So bestehen die Lippen aus drei roten Halbkreisen, das einzige Auge ist ein kleiner blauer Kreis, die Wimpern winzige schwarze Dreiecke und die Stirn wird aus grauen und weißen Linien gebildet.

Eine ganz neue Formensprache, die lange Unverständnis und sogar Ablehnung hervorrief, hatte sich nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs Bahn gebrochen. „Die Künstler seinerzeit verspürten einen starken Drang nach Neuem und Ursprünglichem, es herrschte eine ungeheure Aufbruchstimmung und Dynamik“, sagte Christiane Kerrut. Viele widmeten sich auch neu belebten Techniken wie Holzschnitt oder Linolschnitt und anderen drucktechnischen Methoden. Die neu entwickelten Formen des Expressionismus, Kubismus oder des Konstruktivismus waren ungewohnt und galten als revolutionär. Heute hingegen sind sie sozusagen „klassisch“.

Die Kuratorin führte kenntnisreich durch die Ausstellung und wusste ihre Besucher immer wieder durch interessante Details zu faszinieren. So war z.B. Max Pechstein bei seiner Ostasienreise durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht worden und kehrte aus seinem „Paradies“ erst nach einer jahrelangen Odyssee durch Japan, die USA und andere Länder nach Deutschland zurück.

Christiane Kerrut erläuterte noch kurz die Baugeschichte des Falkenhofs von den Anfängen (schriftliche Erwähnung 838 n. Chr.) bis heute. Rheine verdankt seine Existenz einem Kalkhügel sowie einer begehbaren Furt durch die Ems, die fränkischen Kriegern zu karolingischer Zeit vor 1200 Jahren ins Auge stach. So entstand an der Stelle, wo heute der Falkenhof steht, der Stützpunkt „villa vocata reni“. Ein idealer Platz, um die Furt zu sichern und so den wichtigen Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Norden einerseits und dem Weg nach den Niederlanden und weiter in den Süden zu kontrollieren. Karls des Großen Sohn, Ludwig der Fromme, schenkte den Hof samt Kirchlein der Äbtissin zu Herford. Anstelle des kleinen Gotteshauses entstand nach und nach die spätgotische Hallenkirche St. Dionys. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Falkenhof erweitert und zum Adelssitz ausgebaut bis zu seiner heutigen Bestimmung als städtisches Museum.
Den Abschluss der vergnüglichen und interessanten Museumsfahrt bildete eine kleine Erholungspause in einem familien­geführten Rheiner Café bei Sauer­krautauflauf und Möhreneintopf.                            Isolde Weineck-Niewöhner