Wer bestimmt die Zukunft - Mensch oder Maschine?

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Vortrag von Antonius Kerkhoff am 03.Juni 2019

Er leitete seinen VortragD (=Digitalisierung), I (=Integration), T (=Transformation), N (=Nachhaltigkeit), was hat es mit diesen Schlagworten auf sich und inwiefern stehen sie miteinander in Zusammenhang? Darüber rätselten wohl die meisten Civilisten, die zum Vortrag von Antonius Kerkhoff  erschienen waren.

Es handelt sich hierbei um Megathemen aus dem Jahresprogramm 2019 der Katholisch-sozialen Akademie Franz Hitze Haus Münster. Sie brechen mit geradezu revolutionärer Wucht in unsere Gegenwart ein und lassen eine völlige Umgestaltung der Gesellschaft wie der Lebensverhältnisse der Bürger erwarten.

 

Die Digitalisierung hat längst in der Wirtschaft Einzug gehalten. Die Unternehmen sammeln als  digitale „Nimmersatts“ im Onlinekontakt mit ihren Kunden eine Vielzahl von Daten. Ziel ist die Ermittlung des Konsumverhaltens und dessen Beeinflussung durch Algorithmen (Rechenmuster mit Kriterien, die Voraussagen  ermöglichen). Suchmaschinen spielen dabei eine wichtige Rolle. Digitale Arbeitsplätze werden entwickelt. Dies geht (auch) zu Lasten herkömmlicher Arbeitsplätze, darunter leidet der soziale Kontakt. Im Krankenhaussektor ist big data auf dem Wege, Vorgaben für die Verweildauer von Patienten nach Operationen und die Wirtschaftlichkeitsberechnungen zu entwickeln. Der Einsatz von Robotern im Pflegebereich liegt nicht mehr in ferner Zukunft. Im Verkehrsbereich laufen Tests zum autonomen Fahren. Die digitale Überwachung von Kriminalitätsschwerpunkten gehört zu den Streitthemen der Politik. Ein grundsätzliches Problem bei der Digitalisierung ist die Kontrolle der Programmierer (welche Vorgaben von wem bekommen sie bei der Auswahl der Kriterien für ihre Algorithmen?), ein anderes die Kontrolle von Robotern angesichts der Entwicklung selbst lernender Maschinen (wie ist zu gewährleisten, dass sich solche Maschinen nicht einer Letztkontrolle durch den Menschen entziehen?).

Schon in der Schule finden wir, so der Referent, zunehmend neue Lernformen vor. Computer und Smartphone sind aus dem Schulalltag nicht mehr wegzudenken. E-Learning/Blended Learning (Internet-Klassenzimmer) lauten hier die Schlagworte. Die Akademie in Trägerschaft der katholischen Kirche bemüht sich, bei der Gestaltung digitaler Lernformate eigene Akzente zu setzen. Ausgehend vom Christentum als „Bildungsreligion“ sei mehr als eine Talentförderung des Individuums anzustreben, das Bildungssystem dürfe auch Bildungsbenachteiligte nicht zu kurz kommen lassen.

Der Aspekt der Integration wurde im Kontext mit der Migration angesprochen. Die Akademie beteiligt sich hier u.a. mit Sprachkursen. Der Referent sieht darüber hinaus im Dialog der Religionen eine mögliche Integrationshilfe. Wenn sich die nationalen Gesellschaften plural entwickelten, könne dies nicht ohne Einfluss auf die Religionen bleiben. Wegen der Unterschiede im Gottesbild und des Wahrheitsanspruchs der jeweiligen Lehre werde es zwar häufig nicht zu einem Verstehen kommen, Diskurs und Erfahrungsaustausch ließen aber doch eine Zunahme gegenseitigen Respekts erwarten. Das zeige sich auch in den vom Staat großzügig geförderten Akademieveranstaltungen.

Transformation ist die Forderung nach einem grundsätzlichen Überdenken des Projekts der Moderne. Unter den gegenwärtigen Bedingungen gelten die Versprechungen von Menschenrechten, Fortschritt und Wohlstand nur für einen Teil der Menschheit, ist Gerechtigkeit zwischen heutigen und künftigen Generationen nicht zu verwirklichen und sind Freiheit, Verantwortung und Teilhabe ungerecht verteilt. Daher ist ein weltweiter Prozess der Umgestaltung vonnöten. Die Transformation kann nur gelingen, wenn dem Gedanken der Nachhaltigkeit mehr Gewicht eingeräumt wird. In diesem Kontext ging der Referent auf die menschengemachte Erwärmung des Weltklimas und die päpstliche Enzyklika „Laudato si“ ein.

An den Vortrag, den der Referent für kleine „Erholungspausen“ für seine Zuhörer unterbrach, schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Es war überraschend zu erfahren, dass die Akademie mit ihren Bildungsangeboten eine stattliche Resonanz hat, nämlich ca 24000 Teilnehmer im Jahr  erreicht, darunter etwa 25-30 % aus dem Altersbereich unter 30 Jahren. Vergleichbare (kirchliche) Akademien gibt es noch in Deutschland (insgesamt 22 an der Zahl), vereinzelt auch in Österreich und der Schweiz. Präsident Krause-Isermann lobte als Beispiel für die ökumenische Offenheit der Akademie eine von ihm miterlebte Veranstaltung zur evangelischen Mystik.

Die Civilisten dankten dem Referenten für seinen breitgefächerten, profunden Vortrag mit reichem Beifall. Es lag an der Komplexität der Themen, dass keine Patentantworten gefunden werden konnten, sondern viele Fragen offenbleiben mussten. Sehr nachdenklich stimmte zum Schluss die Einschätzung des Referenten, dass für eine Lösung der mit der Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammenhängenden Probleme ein Zeitfenster von nur 5-10 Jahren offen stehe und Fortschritte ohne Einigung auf konkrete, ethisch-verantwortungvolle Kriterien nicht möglich seien. Denn die Erfahrungen mit den neuen Medien (Internet, Computer, Smartphone) stimmen wenig optimistisch, ist es doch kaum gelungen, die dort festgestellten Schwierigkeiten mit Mitteln der Ethik und/oder eines respektvollen Dialogs in den Griff zu bekommen.             Klaus Heveling