Ohne Folter keine Hexenprozesse

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Vortrag von Prof. Oestmann  am 07. November 2019

In einem fulminanten, frei gehaltenen Vortrag mit Powerpoint-Unterstützung in Wort und Bild gab Prof. Peter Oestmannn einen umfassenden und trotz der teilweise trockenen juristischen Materie lebendigen Einblick in die Geschichte und die möglichen geistigen Grundlagen der Hexenprozesse.

Ausgehend von einem signifikanten Einzelfall aus Fulda, wo schließlich auch der Hexenrichter nach 12 Jahren Haft hingerichtet wurde, bestimmte er den Höhepunkt des Phänomens etwa zwischen 1560 und 1680, als es in Europa, vor allem aber in Deutschland, bis zu geschätzt 100.000 Opfer (davon ca. 70 % Frauen) gegeben hat, besonders in kirchlichen Territorien wie Bamberg, Würzburg, Fulda oder Osnabrück, obwohl die der Disziplinierung der Gläubigen dienende katholische Inquisition von dem „inquisitorischen Prozess“ (etwa 1200-1840) mittels Folter davon zu trennen ist.

Die Wurzeln liegen im römischen Recht, dem populären Hexenglauben und in ketzerischen Sekten mit den Tatbestandsmerkmalen von Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Schadenzauber oder Hexensabbat. Auf kirchlicher Seite galt der Abfall vom christlichen Glauben als Sünde, die weltliche Seite beschränkte sich auf den Schaden, der tatsächlich angerichtet wurde. Weil die Bibel die Tötung verbietet, die Hinrichtung also nur nach weltlichem Recht gestattet war, wurde das Delikt nach beiderlei Recht geahndet.

Die Constitutio criminalis Carolina (1532) versuchte akribisch die Folter zu legitimieren: Sie dient als Mittel der Wahrheitsfindung mit dem Ziel eines ‚Geständnisses‘. Es galt das gefährliche und bis heute immer wieder vorgebrachte Argument, dass die Schwere von Straftaten rechtliche Grundsätze und Garantien außer Kraft setzten dürften. Die Bilder zeigten eindrucksvoll, dass die Phantasie den Foltermethoden keine Grenzen setzt; vor allem in Westfalen behalf man sich zur Wahrheitsfindung mit der Wasserprobe.

Es gab Befürworter der Praxis seit der Hexenbulle von Papst Innozenz VIII. (1484), besonders dem berüchtigten Malleus maleficarum („Hexenhammer“) des Dominikaners Heinrich Kramer (1486) bis hin zu dem sächsischen Lutheraner Benedikt Carpzov mit seiner Practica nova, „dem Hexenhammer des Protestantismus“ (1670), aber auch Gegner, wie den Arzt Johann Weyer in seiner Schrift De praestigiis daemonum(1563), der den Frauen helfen wollte, weil sie eigentlich krank seien, oder den Jesuiten Friedrich Spee, den Beichtvater verurteilter ‚Hexen‘, mit seiner Cautio criminalis (1631), der die Folter anprangerte („ohne Folter keine Hexenprozesse“) und verbeamtete Richter forderte, weil Hexenrichter nur bei Verurteilung bezahlt wurden.

Doch diese Gegner hatten noch keinen Erfolg bis zum Beginn der Aufklärung, als der Jurist Christian Thomasius in seiner Schrift De crimine magiae (1701) mit seinen Argumenten gegen Papismus, das römische Recht und (moderat) gegen die Folter seine Kollegen überzeugte und bis Friedrich II. schließlich in seiner ersten Amtshandlung die Folter abschaffte. Vereinzelte Prozesse fanden noch bis 1793 in Posen („Justizmord“) und sogar 1944 während des Zweiten Weltkrieges in England statt. Die erwogenen Gründe für die auf Deutschland fokussierten Hexenverbrennungen (Kirche?, Frauenhass?, Kleine Eiszeit?, Nachbarkonkurrenz? Rolle der Juristen?) forderten eine lebhafte Diskussion heraus.

Wolfgang Hübner