Literaturnachmittag

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Am Bundesdeutschren Vorlesetag  am 15. November 2019

Der dritte Freitag im November, der Bundesdeutsche Vorlesetag, fiel zum zweiten Mal mit dem jährlichen Lesenachmittag zusammen.

Frau Dr. Gabriele Peus-Bispinck las Abschnitte aus J.L. Carrs Kurzroman, Ein Monat auf dem Land. Carr versetzt den Zuhörer in die idyllischen Yorkshire Dales. Der Ich-Erzähler, ein junger Mann,Tom Birkin, kommt im Jahr 1920 traumatisiert durch den Ersten Weltkrieg und verlassen von seiner Ehefrau, als Restaurator aus London in den fiktiven Ort Oxgodby. Seine Aufgabe dort ist es, ein spätmittelalterliches Bild in einer Dorfkirche freizulegen. In den ausgewählten vorgelesenen Passagen erfährt der Zuhörer wie Tom durch die Ruhe und Einfachheit des Landlebens, seine kleinteilige Arbeit am Bild, das es gilt, Schicht für Schicht freizulegen und seine allerdings unerfüllte Liebe zur Frau des Pastors, gesundet.

In der Erzählung Birgit Vanderbekes, Das Muschelessen, erfährt der Zuhörer, wie eine scheinbare Familienidylle innerhalb weniger Stunden zusammenbricht. Die Tochter und Ich-Erzählerin beschreibt, wie die Familienmitglieder, denen es gelang, aus der DDR in den Westen zu fliehen, beim Abendbrot vor einem Topf mit Muscheln auf den autoritären Vater warten. In den vorgelesenen Passagen nimmt der Zuhörer Anteil am freudlosen und tristen Leben der einzelnen Familienmitglieder. Während der langen Wartezeit auf den tyrannischen Vater, der nicht zum Abendessen erscheint, zerbrechen alle Tabusperren in der Beurteilung des verhassten Vaters, der sich z.B. allabendlich seine Frau, Tochter und seinen Sohn einzeln ‚vorknöpft‘, um durch deren gegenseitige Denunziationen seine Machtposition in der Familie zu festigen.

Herr Erhard Obermeyer las aus dem Roman von Hans Pleschinsky Wiesenstein, der eher den Eindruck einer Dokumentation macht. So intensiv hat der Autor die verschiedenen Informa­tionsstränge verknüpft, dass man den Eindruck haben könnte, er selbst sei in diesen Lebensjahren des Dichters dabei gewesen. Haus Wiesenstein im schlesischen Agnetendorf dient den Eheleuten Hauptmann als heile Welt. Dort führt der Dichter Selbstgespräche über die großen Themen der Kunst, unterbrochen durch das aktuelle Kriegsgeschehen, das immer näher rückt, mit Tod und Vertreibung durch die Sieger. Der Autor bietet ein authentisches Bild des berühmten Dichters und zugleich einen Blick in den Untergang einer verlorenen Welt. (zitiert nach der Rezension des Buches durch den Vorleser).

Das Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 im Civilclub fand in dem von Frau Sigrid Karliczek vorgestellten Buch von Tom Wolfe Mit dem Bauhaus leben einen gelungenen Abschluss. Tom Wolfe beschreibt in seinem erfrischenden Essay, wie im Kapitalismus der zwanziger Jahre in den USA die Amerikaner sich durch die klare und einfache Bauhausarchitektur von Gropius, Mies van der Rohe, Breuer und anderen mit Ungewohntem konfrontiert fanden. Im Originaltitel From Bauhaus to our house stellt Wolfe in erheiternder Darlegung klar, dass es sich bei der aus Europa mitgebrachten Bauhausarchitektur in Amerika eher um ein aus dem Ruder gelaufenes Projekt des ‚sozialen Wohnungsbaus‘ handelt: ein Stil wohl eher für Museen, Galerien, Universitäten und reiche Amerikaner – jedoch nicht für die Unterkunft des Normalmenschen.  Applaus und Dankesworte von allen Seiten an die Vortragenden beendeten diesen gelungenen Literaturnachmittag.  Carmen Schleiermacher

Es gab noch eine Verabschiedung und Ehrung mit Dank: Carmen Schleiermacher hatte zum letzten Mal den Vorlesenachmittag organisiert, den sie seit seiner Einführung geleitet hatte. Dr. Mariana Durt (rechts) vom Organisationsteam des Kulturcafés überreichte ihr im Namen des Civilclubs einen Blumenstrauß. Der Vorlesenachmittag findet künftig im Rahmen des Kulturcafés statt.

Die Vorleser: von links Sigrid Karliczek, Erhard Obermeyer, Carmen Schleiermacher, Dr. Gabriele Peus-Bispinck