Zu Gast bei den Wilden

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Aussstellungsbesuch im Picasso-Museum des CC am 16. Januar 2020

Alle berauscht, oder wie? Das Picasso-Museum hat mit der Ausstellung „Im Rausch der Farbe“ wieder einmal einen Knüller inszeniert. Es war ein kunsthistorischer Gewaltritt durch die Ismen der Moderne – Impressionismus, Fauvismus, Pointillismus, Kubismus, Surrealismus: 60 Civilisten ließen sich am 16. Januar berauschen von den schönen Bildern der Wilden, bei denen die festen Konturen durch Farben ersetzt wurden. Die Kunstkritik des noch von der akademischen Malerei geprägten Paris nannte diese Künstler Les Fauves, wilde Tiere, was zum Markenzeichen für diese Avantgarde wurde, die gegen die staatlichen Regelungen in den Salons protestierten.

Sie wollten die konventionelle Ästhetik überwinden, was ihnen auch grandios gelungen ist. Sie prägten den Stil einer ganzen Epoche. Aushängeschild der Ausstellung war Big Ben in London von André Derain aus dem Jahre 1906, der sich allerdings in düsteren Blau- und Grüntonen verlor, markant unterbrochen durch die rötlichen Pfeiler der Brücke und einen geradezu explodierenden Farbmond: Unsere Farben wurden Dynamitpatronen, formulierte es Derain. Die Künstler beschäftigten sich auch wissenschaftlich mit der Wirkung der Farben auf den Betrachter, die einzelnen Farbpunkte mischen sich erst im Auge zu einem Gesamtbild.

Aus der modernen Kunstszene sind diese Maler von Matisse bis Gauguin nicht mehr weg zu denken, die sich auf Tahiti inspirieren ließen. Witzig auch einige Skulpturen, so ein
Pferd, dessen vier Beine gleichzeitig in der Luft schweben, und eine Balzac-Büste von Auguste Rodin. Die Werke stammen aus dem Museum für moderne Kunst in Troyes, das renoviert werden musste, weshalb die Gemälde auf Wanderschaft geschickt wurden – einzige Station in Deutschland oder sogar Europa ist das Picasso-Museum in Münster, das offenbar einen fabelhaften Ruf genießt. Die umfangreiche Sammlung wurde durch die Textilindustriellen Lévy zusammengetragen, bis sie in den 1970er Jahren in den Besitz des französischen Staates überging.

Manfred Niehoff hat mit diesem Besuch der Ausstellung wieder einmal einen kräftigen Akzent im reichen Kulturprogramm des Civilclubs gelandet – herzlichen Dank dafür.
E.O.