Münster bietet Kultur für alle

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Vortrag zu Gerhard Richter "Zwei graue Doppelspiegel für ein Pendel"am 26.02. 2020

Diesen Spannungsbogen darzustellen, gelang der Stadträtin Cornelia Wilkens, zuständige Dezernentin für Soziales und Kunst, in einem eindrucksvollen Vortrag am Aschermittwoch (26.2.): „Gerade heute, in besorgniserregender Zeit (Hanau), ist es notwendig, auf die friedensstiftende Wirkung der Kunst zu setzen, also in Kultur zu investieren!“

Mit dem Konsens, dass kulturelle Angebote und Infrastruktur zur kommunalen Daseinsvorsorge gehören, bietet Münster sein kulturelles Angebot jedem, je nach seinem kulturellen Bedürfnis und unabhängig von seiner finanziellen Situation, an. Die Menschen könnten sich kulturell selbst betätigen, einzig ihr individuelles Interesse entscheide über Art und Umfang ihrer kulturellen Teilhabe. Die

Zugänglichkeit der Kulturangebote werde gesichert und – wie bei der Stadtbücherei (angedachte Sonntagsöffnung) - erweitert. Kulturelle Bildung werde bspw. durch die Projekte der Villa ten Hompel und die musikalische Früherziehung in der Westfälischen Schule für Musik („jedem Kind seine Stimme“) gezielt unterstützt. Schließlich bewirke die Förderung der freien künstlerischen und kulturellen Szene besondere Impulse. Derzeit sei ein „Pakt für die Kultur“ angedacht. „Dass die freie Kunst- und Kulturszene, die städtischen Kultureinrichtungen sowie interessierte Akteure aus dem Kunst- und Kulturbetrieb mit Vertretern der Kommunalpolitik zu einem Konsens gelangten, der auch die finanziellen Spielräume darstellt und ein transparentes und kriteriengeleitetes Förderwesen sichert, wäre mein besonderer Wunsch für die Zukunft“, so Cornelia Wilkens.

Auch der Besuch des von Gerhard Richter nachgebauten Foucaultschen Pendels in der profanierten Dominikanerkirche ist jedermann kostenfrei zugänglich. Zwischen Juni 2018, der Eröffnung, und Dezember 2019 haben 400000 Personen davon Gebrauch gemacht: Ein Publikumsmagnet für unsere Stadt, dessen Entstehung Cornelia Wilkens mit eindrucksvollen Bildern beleuchtete: Kasper König kannte den Wunsch des derzeit bedeutendsten deutschen Künstlers, nicht nur ein Foucault’sches Pendel nachzubauen, sondern zugleich auch ein neues Kunstwerk zu schaffen. Er stellte den Kontakt des Künstlers zu Münster her. Nachdem sich der Gasometer bei dessen erstem Besuch im Juni 2016 als ungeeignet erwiesen hatte, wurde die im Stadtzentrum gelegene Dominikanerkirche schnell als Wunschstandort des „Geschenks des Künstlers für Münster“ auserkoren.

Bald nahm das gesamte Kunstwerk Gestalt an: Das nachgebaute Pendel, dessen ununterbrochene Bewegung durch ein Magnetfeldantrieb gesichert ist; die Bodenplatte und vier hochrechteckige Glasbahnen, deren Rückseiten vollflächig in Grau emailliert und deren Vorderseiten mit einer Verspiegelung bedampft sind. Die Besucher begegnen hier ihrem eigenen Spiegelbild, das wie ein Schatten in den Raum reflektiert wird, wobei sich die Doppelspiegel wieder gegen- und ineinander abbilden. Unangekündigt, überraschend und mit begeistertem Beifall bedacht, machte unser langjähriges Mitglied Prof. Dr. Roland Szostak noch auf die besondere Bedeutung des Foucaultschen Pendels gerade für Münster aufmerksam. Mit eindrucksvollen Bildern beschrieb er die Entwicklung der seit der Antike bestehenden Kontroverse darüber, ob die Erde oder die Sonne das ruhende Zentrum unserer Welt sei. Der von Kopernikus (Anfang des 16. Jhdt.) und nachfolgend von Kepler (Anfang des 17. Jhdt.) und Newton (Ende des 17. Jhdt.) beförderte Paradigmenwechsel vom ptolemäischen zum heliozentrischen Weltbild sei in derabendländischen Kultur nur widerstrebend anerkannt worden.

Nachdem es Foucault gelungen sei, die Erdrotation durch die Drehung der Schwingungsebene eines Pendels nachzuweisen, sei der Streit friedlich beendet worden. Daher sei ein Kunstwerk, das die
friedensstiftende und versöhnende Wirkung darstelle, gerade in der Stadt des Westfälischen Friedens würdig beheimatet. - Danke, Prof. Dr. Szostak! Ihr Vortrag verdient einen besonderen Abend im Club mit vielen Zuhörern. Eckard Andersson