Literaturkreis 16.1.2025

Gespräche über das Buch "Nahe dem wilden Herzen" von Clarice Lispector

Aufmerksam auf dieses Buch ist der Lesekreis durch die NEUE ZEITBIBLIOTHEK DER WELTLITERATUR „100 Bücher 100 Lebensgefährten“ geworden . In einem Beitrag in der Zeitbibliothek von Maja Beckers erfährt der Leser, dass das Buch, im Jahr 1943 von einer 23jährigen Autorin jüdisch-ukrainischer Herkunft in portugiesischer Sprache geschrieben, sofort nach seinem Erscheinen in Brasilien zu „einer literarischen Sensation“ geworden sei. Die brasilianische Presse dieser Zeit bewundere die „Schärfe und Klarheit“, mit der sich die junge Autorin über die Konventionen hinwegsetzt und ihr Innenleben schonungslos offenbart.

Die „hypnotisch wirkende Art“ der Autorin, kunstvoll arrangierte Episoden aus dem Leben der Protagonistin Joana zu erzählen, übe eine unnachahmliche Faszination auf den Leser aus. Da das Buch keinen stringenten Handlungsverlauf aufweist und Strukturen nur schwer erkennbar sind, erwies sich die Besprechung für den Literaturkreis als keine einfache Aufgabe. Die „Schärfe und Klarheit“ erschloss sich den Leserinnen nicht ohne weiteres, da die Episoden aus Joanas Leben in einer Art Bewusstseinsstrom aneinandergereiht sind, der sich rational nicht festlegt.

Die Protagonistin Joana empfindet keine Gewissheiten in ihrem Leben. Sie geht existentiellen Fragen nach. Ihre Gedanken kreisen um Tod, Einsamkeit, Leiden, um Glück und Liebe. Zwischen Traum, Phantasie und Wirklichkeit kann der Leser nur schwer unterscheiden. Die Autorin versucht, die Doppelbödigkeit des Menschseins schlag- lichtartig metaphorisch anzudeuten. Sie lässt ihre Gedanken treiben zwischen surrealen Träumen und Phantasien. Sie setzt sich über gesellschaftliche Konventionen hinweg, nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich und stilistisch. Dabei gelingen erstaunliche, neue, ausdrucksvolle Sprachschöpfungen und außergewöhnliche Bilder.

Von der rationalen Perspektive her bleibt vieles widersprüchlich, unerklärlich und auch nicht stringent. Bei aller Bewunderung der feinsinnigen lyrique en prose beklagten die Teilnehmerinnen des Literaturkreises die Schwierigkeit der Lektüre des Buches, da es den roten Faden vermissen lässt und dadurch Zusammenhänge nur schwer zu begreifen sind. Anklänge sehen sie bei dem französischen Surrealismus der 1920er Jahre, der Traumhaftes, Unbewusstes und Absurdes zum Ausdruck bringt und der auf eine logisch-rationale Vorgehensweise verzichtet. Nach Meinung des Literaturkreises ist die emotionale Schreibweise der Autorin zu beliebig, zu unstrukturiert, zu widersprüchlich und auch zu ungenau, als dass ihr künstlerisches Niveau mit dem eines Franz Kafka, eines James Joyce oder einer Virginia Woolf verglichen werden kann, wie es Maja Beckers oder die Pres- sestimmen im Vorspann des Buches suggerieren. ASTRID WESSERLING